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Online-Magazin - Magazine - Ausgabe 4 - 2000

 Zeitreisen IV - Barock (etwa 1600 – 1750)

Das Leben – ein inszeniertes, prächtiges Fest

Die Kunstepoche des 17. und 18. Jahrhunderts, die man heute als den Barock bezeichnet, ist durch den letzten verzweifelten Versuch zur Erhaltung der absolutistischen Macht der Fürsten und der katholischen Kirche gekennzeichnet. Die barocke Kunst und Architektur breitete sich in Europa und in den europäischen Kolonien in Südamerika aus, wobei der Stil von Land zu Land unterschiedlich ausgeprägt wurde . Der Barockmensch ist von einem gegensätzlichen Lebensgefühl geprägt: einerseits war er beherrscht von einer ständigen Todesangst aufgrund der zahlreichen Kriege zwischen den einzelnen Fürstentümern und andererseits von einer überschwenglichen Lebensgier. Beide Eigenschaften spiegeln sich in allen Bereichen dieser Epoche wieder...

Das Wort ”Barock” leitet sich vom portugiesischen ”barocco” ab, was unregelmäßig geformte Perle bedeutet. Es war ursprünglich ein Kunstausdruck im Juwelierhandwerk. Im 19. Jahrhundert wurde der Sinn des Wortes um die Definitionen: überladen, lächerlich oder absonderlich erweitert. Alles Normenüberschreitende, Regelwidrige und Geschmacklose, kurz die gesamte Gestaltungsweise des vorangegangenen Jahrhunderts wurde nun damit bezeichnet.

Der zu dieser Zeit maßgebende Stil des Klassizismus appellierte wie einst in der Renaissance an die Vernunft und mußte zwangsläufig, die an das Gefühl und die Phantasie gewandte Kunst und Architektur des Barock verurteilen. Erst im 20. Jahrhundert wurde der Begriff für die gesamte Epoche des 17. und 18. Jahrhunderts, ohne negativen Beigeschmack, definiert.

Die Formensprache des Barock war ein Ausdrucksmittel der katholischen Kirche und des Absolutismus. Beide suchten in ihrem Streben nach Macht und Repräsentation nach Ausdrucksmöglichkeiten, die auf den Betrachter überwältigend, verwirrend und sinnlich zugleich einwirken sollten. Es begann eine Kunstepoche der Inszenierung, der Illusion und der Täuschung.
Seinen Ursprung hat der Barock in Rom, dem Zentrum der katholischen Kirche und der Gegenreformation. Die Kirche bemühte sich, neue Anhänger zu gewinnen und gleichzeitig ihre Macht und Größe zu demonstrieren und wieder zu stärken. Da nach wie vor die wichtigsten Geldgeber und Förderer die Kirche und die Aristokratie waren, ist es nachvollziehbar, daß die barocke Architektur vor allem in den Kirchen und Schlössern zum tragen kommt.
Das Gebäude, im Innen- und Außenbereich, betrachtete man als Gesamtkunstwerk. Um den oben erwähnten Zielen der Barockarchitektur gerecht zu werden, wurde nicht nur auf die Größe und Pracht, sondern auch auf Bewegtheit und Symmetrie geachtet.

Wo es möglich war, wurde das umliegende Gebiet, d.h. Straßen, Plätze und Gärten, in die Gestaltung mit einbezogen. In der sakralen Architektur spiegelt sich dies im Petersdom in Rom, zwar nicht die schönste, aber zweifellos monumentalste Hauptkirche der katholischen Christenheit, wieder. Der Dom St. Peter und der Petersplatz bilden eine Einheit und weisen alle barocken Merkmale auf.

Die Baugeschichte des Petersdoms erstreckt sich über 2 Jahrhunderte und wird letztendlich im prunkvollen Stil des Barock fertiggestellt. Es scheint, als hätte man nur auf die Entwicklung dieser Ausdrucksmöglichkeit gewartet. Der symmetrische Bau wird von dem Zentralelement, der Kuppel, beherrscht. Sie ist nicht mehr, wie in der Renaissance, ruhender Mittelpunkt, sondern das Ziel der Blickrichtung. Außen verleiht die Kuppel dem Bau die gewünschte Pracht und Monumentalität. Im Inneren dient sie als Symbol des Himmels.

Dieser Eindruck wird durch die Deckengemälde und die Licht- und Schattenspiele der Kuppelfenster erreicht. Der Altar steht direkt am Kuppelraum, so daß sich beim Blick zum Altar – durch die einfallenden Lichtstrahlen von oben – der Blick unweigerlich in die Höhe richtet.
Eine neue Bereicherung waren die meist paarweise angeordneten Kirchtürme, die als Seitenakzente oder als optische Gegengewichte zur Kuppel eingesetzt wurden.
Ein weiteres Merkmal des Barock ist die Vertikalbetonung der Mitte. Am Beispiel von St. Peter wird dies durch die hervortretenden Säulen und durch das Mittelportal mit der darüber befindlichen Benediktionsloggia, deutlich. Von hier aus empfangen die Gläubiger noch heute den päpstlichen Segen.
Auch durch das Langhaus, das durch ein zusätzliches Spitzdach bekrönt ist, wird eine Ausrichtung zur Mitte, und dadurch zur Kuppel erreicht.
Der Petersplatz, der vom Baumeister und Bildhauer Bernini entworfen wurde, ist gleich einem Theater für das Schauspiel des Papstauftrittes, inszeniert. Im Zentrum steht der Dom, von dem zwei Verbindungsarme, leicht nach innen gestellt, zum großen Oval führen. Diese Verbindungsarme lassen den Petersdom zur Bühne werden, was durch einen leichten Anstieg des Vorplatzes zum Dom hin noch verstärkt wird. So erscheint die Kirche gewaltiger, als sie eigentlich ist.

Das große Oval ist durch dreischiffige Säulengänge eingefaßt und wirkt so auf den Betrachter als Geste der Umarmung. Es soll das sichtbare Symbol der ökumenischen Mission der Kirche, die die Welt umspannt, darstellen. Der verwendete Grundriß, das Oval, hinterläßt den Eindruck von Bewegung und Spannung, ebenfalls ein gewollter Aspekt des Baumeisters.
Im Zentrum des Platzes steht ein Obelisk, der bereits im Jahre 1585 aufgestellt wurde und ursprünglich vom Zirkus des Nero auf dem vatikanischen Hügel stammt.

Der Benediktinerstift Melk (Schenkung an die Benediktiner im Jahre 1089) an der Donau in Niederösterreich ist ein weiteres erwähnenswertes Barockjuwel. Um das Bauwerk mächtiger erscheinen zu lassen, schuf der Baumeister Jakob Prandtauer in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zwei Flankentürme, die er höher und dichter beieinander errichtete, als üblich war. Ebenfalls Meisterwerke der Barockkunst sind der Marmorsaal und die Bibliothek. Die 90.000 Bände umfassende Bibliothek aus 900 Jahren Klostergeschichte wirkt für sich allein auf den Besucher. Doch gemäß dem Anliegen des barocken Geschmacks mußten die Räume, die nur eine geringe Deckenwölbung haben, größer wirken, als sie sind. Dies wurde durch das von Paul Troger geschaffenen Deckenfresko erreicht. Die sogenannte “illusionistische Malerei” dieser Zeit entwickelte eine enge Verbindung zur Architektur und basiert auf den Wirkungen der Perspektive. Die Illusion der Unendlichkeit wird hier hervorgerufen durch die aufgemalten Säulen und Bögen und der Ausblick in einen scheinbar unendlichen Raum., Sie steht als Sinnbild für die göttliche Allmacht.
Mehr noch als bei den Kirchen erhielten die profanen Bauten, vor allem die Schlösser und Paläste, die in dieser Zeit entstanden, einen dramatischen, überschwenglichen bis theatralischen Stil.

Durch ihr übersteigertes Selbstwertgefühl errichteten die Barockfürsten Bauten, die in ihrer Größe und ihrem Glanz die Profanbauten seit der Antike und auch zahlreiche Sakralbauten in den Schatten stellten.
Hatte der Renaissance-Palast einen Innenhof eingeschlossen, so wurde der barocke Palast der Mittelpunkt in einem Garten oder einem Park.

Schloßbau und Gartenanlage waren untrennbar miteinander verbunden und ergaben das angestrebte Gesamtkunstwerk.
Der französische Barock war stilprägend, vor allem das hufeisenförmige Schloß Versailles (Ausbau zur Residenz der französ. Könige in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts) diente vielen Baumeistern als Vorlage für ihre eigenen Bauten. Das Ziel des Schloßbaus von Versailles, europaweit unübertroffen zu bleiben, wurde mit Konsequenz durchgeführt. Der ausgedehnte Komplex mit seinen zwei langen Flügeln inmitten der angelegten Parkanlagen mit den langgezogenen, geraden Alleen, den Wasserbecken, Fontänen und vielen Skulpturen wurde zum Inbegriff des absolutistischen Herrschers, Ludwig XIV. Sein berühmter Ausspruch: ”Der Staat bin ich!” spiegelt aufs trefflichste seine Prunksucht, Macht- und Lebensgier wieder, die er in Versailles künstlerisch verewigen ließ.

Ein charakteristischer Merkmal der Barockarchitektur ist ein langer, geräumiger, mit großen Fenstern und überquellender Innenarchitektur ausgestatteter Korridor, die sogenannte Galerie. Sie hat meist eine Deckenwölbung, die phantastisch ausgemalt ist. Die Galerie wurde für die zahlreichen, ausschweifenden Feste ebenso genutzt, wie zur Ausstellung von Kunstwerken. Eine grandiose Galerie ist die Spiegelgalerie oder auch Spiegelsaal genannt, von Versailles. Das einfallende Licht, aber mehr noch die Hunderten von brennenden Kerzen, die zur Barockzeit verwendet wurden und sich tausendfach in den Spiegeln reflektierten , müssen einen Ehrfurcht gebietenden, blendenden Eindruck hinterlassen haben.
Außerdem widmeten die Architekten den Treppenhäusern ihre besondere Aufmerksamkeit. Diese spielten bei dem im Laufe der Epoche immer ausgedehnteren Empfangszeremoniell eine große Rolle und wurden so ein wichtiger Bestandteil in der Palastgestaltung. Auch hier sind die Treppenhäuser, meist mit zwei Treppenaufgängen, die sich im ersten Stock wieder vereinen, wie ein Bühnenbild inszeniert.

Der Baumeister Johann Lukas von Hildebrandt entwickelte aus dem großen Vorbild Versailles und seinen eigenen Vorstellungen das sogenannte “Obere Belvedere” im kaiserlichen Wien. Der Palast weist die typische Betonung der Mitte durch den auf Säulen getragenen Vorbau auf. Anstelle der französischen und italienischen Monumentalität wurde hier ein würdevolles Gebäude errichtet. Durch die vier niedrigen Ecktürme wird ein ausgewogener Gebäudekomplex geschaffen.

Für die Innenarchitektur der Kirchen und Paläste verwendete man reichlich Stuck, Malerei, Marmor, Gold und leuchtende Farben. Man liebte es, die Wände, Decken und vor allem die Ecken zu betonen. Der Protz und Prunk, verstärkt durch die Kunstfarben Gold und Weiß, wirkt heute auf uns unnatürlich und überladen, jedoch den damaligen Vorstellungen entsprechend.

Skulpturen in Nischen, Skulpturen auf den Treppenaufgängen, Skulpturen in den Parks und Gärten und Skulpturen mit architektonischen Funktionen, die beispielsweise als Gebälkträger dienten, waren beliebt und sind heute noch zahlreich zu finden.

Der ständig von Angst und Tod (Krieg, Krankheiten) umgebene Barockmensch trachtete nach Lebenslust und Schönheit. Er wollte gestalten und formen, feiern und herrschen und seine Eitelkeit ausdrücken, wohlwissend, daß alles materielle vergänglich ist. Hier äußert sich die Gegensätzlichkeit des menschlichen Daseins in den typischen Merkmalen der Barockkunst.

Anhand der oft verwendeten Vanitas - Symbole (der Grundgedanke ist die Vergänglichkeit und Nichtigkeit des menschlichen Daseins) wie beispielsweise Sanduhren und Totenschädel, in Gemälden, in Skulpturengruppen u.s.w., und den überall zu findenden lachenden Putten, wird dieser Gegensatz nochmals deutlich.
Wie bereits erwähnt, gehörte zum Gesamtkunstwerk die Außenanlage. Die Gestaltung des Gartens, der schon in alten Hochkulturen kunstvoll angelegt wurde, erreichte ihren Höhepunkt.

Der Mensch formte den Garten, in seinem Drang, die Natur zu beherrschen und ihr seinen Willen aufzuzwingen. Zwischen ausgedehnten geometrischen und streng symmetrischen Blumenbeeten, beschnittenen Hecken, Wasserbassins und Skulpturen gab es hin und wieder gewollte Natürlichkeit in Gestalt der sogenannten Lustwälder.

Hierhin zog man sich zur Entspannung, zur Erfrischung oder zum vertraulichen Beisammensein zurück. In dieser Zeit verbreiteten sich auch die Heckenlabyrinthe und die Laubengänge. Ebenso gehörten die Gestalten der antiken Mythologie zur Atmosphäre des Parks.

Der Garten diente dem Lustwandeln und war Ort für die zahlreichen Feste, Konzerte und Ballette und zum Bestaunen der vielen Feuerwerke.
Theater, Oper, Konzerte, Maskeraden und Bankette bildeten das Hauptvergnügen der höfischen Gesellschaft.
Die Barockmusik wird häufig als “Neuzeit der Musikgeschichte” bezeichnet. Die Musiker komponierten zahlreiche Opern und Oratorien. Die solistische Instrumentalmusik wurde genauso ausgeprägt wie die Orchestermusik. Zu den bedeutenden Komponisten zählen Johann Sebastian Bach, Antonio Vivaldi oder Georg Friedrich Händel. Der Aufschwung der Wissenschaften drückte sich auch in der Musik aus. Zahlreichen Kompositionen wurden mathematische Berechnungen zugrunde gelegt.

Auf den Gebiet der Naturwissenschaft wurden umfangreiche Forschungen betrieben und zahlreiche Erkenntnisse prägen bis heute unser Weltbild. Eine hervorragende Erfindung und gleichzeitig ein Motor für die Wissenschaft war das Mikroskop von Robert Hook. Weitere Wissenschaftler dieser Zeit sind Newton, Pascal, Kepler oder von Guericke.

Im Barock liegen die Anfänge der deutschen Lyrik. Die deutschen Dichter pflegten die vernachlässigte deutsche Sprache. Vernachlässigt, weil an den barocken Höfen französisch gesprochen wurde. Die Poeten versuchten sogar alle Wörter, die von anderen Sprachen ins Deutsche übergegangen waren, zu ersetzen. Die deutsche Sprache wurde genau analysiert, und so lag es nah, daß die ersten Wörter- und Grammatikbücher entstanden.
Die Dichter setzten sich mit den Schrecken der Zeit (der Dreißigjährige Krieg, Seuchen) auseinander, schrieben über die Eitelkeit und Lebensfreude, über Weltgenuß und philosophierten über die Vergänglichkeit des Lebens.
Den meisten bekannt, ist “ Der Abenteuerliche Simplicissimus ” von Hans Jakob Christoph von Gimmelshausen. In diesem Roman muß der Held eine Welt der Brutalität, Gier und Exzesse durchleben, um zu erkennen, daß alles Streben nach Macht, Reichtum, Erfolgt, Glück ein Wahn ist.
Auch in der Malerei beschäftigte man sich mit der Vergänglichkeit des Daseins. So ist der Barock eine Blütezeit des Stillebens. Die Maler stellten die Vanitas – Symbole genauso wie alltägliche Objekte (Früchte, Obst, Blumen) oder Gegenstände, die ihr besonderes Interesse hervorriefen dar.
Einen weiteren Schwerpunkt der Kunst bilden Porträts und Denkmaler zur Verherrlichung der Fürsten. Später kamen Porträts aus der Volksschicht hinzu. Eine bedeutende Rolle spielten mythologische Themen, nach wie vor religiöse Darstellungen und, wie bereits erwähnt, erreichte die illusionistische Malerei ihren Höhepunkt. Die Künstler verwendeten für ihre Gemälde entweder dunkle oder leuchtende Farben. Ein wesentliches Merkmal der Barockmalerei ist das Licht – Schatten - Spiel.

Bedeutende Künstler jener Zeit sind Rubens, Rembrandt, van Dyck, Caravaggio und Carraci. Jeder entwickelte seinen eigenen Stil und ging damit in die Weltkunst ein.

Der Übergang zwischen bildender Kunst und angewandter Kunst im Barockzeitalter ist fließend. So gehörten auch die Möbel zum Gesamtkonzept der Raumgestaltung.
Zur Herstellung der Güter, wie Möbel, Glas, das neu entdeckte Porzellan, Stoffe u.s.w. gründeten die Fürstentümer Hofwerkstätten und die ersten Manufakturen (Porzellanmanufaktur Meißen). Was nicht für den Eigenbedarf benötigt wurde, diente dem Export. Durch die vielfältigen Arbeitsschritte, die beispielsweise zur Herstellung der kostbaren Möbel notwendig waren, konnte ein Möbel nicht mehr von einem Handwerker hergestellt werden. So stammte der Entwurf von einem Kunstschreiner, der die einzelnen Arbeiten verteilte und überwachte. Als anerkannter Meister signierte er seine Werke. Auch trat der landschafts- oder regiongebundene Möbelstil in den Hintergrund, zugunsten des persönlichen Geschmacks der Aristokratie und des Kunstschreiners.

Vor allem die kirchliches Mobiliar, wie Chorgestühl, Beichtstühle und Sakristeischränke, wurden in die dekorative Gestaltung des Kirchenraumes einbezogen.
Im profanen Bereich löste die Kommode die Truhe ab. Die Kommoden entwickelten sich besonders in Frankreich zum beliebtesten Möbelstück. Im Gesamtkonzept der Inneneinrichtung hat sie einen festen Platz an der Wand, oft mit Spiegelaufsätzen und flankiert von Stühlen. Der rechteckige, gewölbte Aufbau mit zwei oder drei Schubfachetagen stand meist auf Klauenfüßen. Intarsienarbeiten und phantasievolle Schnörkeleien verzierten die Kommode. Aus der Kommode entwickelte sich durch einen Aufsatz der Sekretär (Schreibschrank). Auch dieser wurde kunstvoll verarbeitet.
Außerdem wurden monumentale Kleiderschränke hergestellt, die durch Säulen gegliedert wurden, auf den typischen Kugelfüßen standen und ein vorspringendes Gebälk besaßen.

Der Tisch erlangte eine große Bedeutung als Schreib- und Speisetisch. Der Speisetisch wurde prunkvoll verziert und hatte meist eine ovale Form. Der Schreibtisch nahm überdimensionale Größen an, um seiner Repräsentationsaufgabe gerecht zu werden.
Neue Variationen traten auch bei den Sitzmöbeln auf. Das Sofa wurde erfunden und bildete mit den Sesseln, Stühlen und Schemeln, die für einen Raum alle mit dem gleichen Stoff bezogen wurden, eine gemütliche Atmosphäre.

Geschwungene Rücken- und Armlehnen und plastische Verzierungen an den Füßen waren selbstverständlich. Kleinere Tische in den unterschiedlichsten Formen, Glasschränke, Anrichten und Standuhren sowie wunderschöne Kamine rundeten die Raumgestaltung ab.
Unbedingt erwähnenswert sind die Prunkbetten, die monumentale Ausstattungen erhielten und in das höfische Zeremoniell aufgenommen wurden. So ist überliefert, daß der Sonnenkönig Audienzen von seinem Bett aus gab und daß sich der Hofstaat, auch wenn der König nicht im Bett war, vor diesem beim Vorbeischreiten zu verbeugen hatte. Sein Schlafgemach hatte der Monarch übrigens als Zentrum von Versailles anlegen lassen.

Das Leben am Hof wurde von der Etikette diktiert. Das Gehen, das Stehen, das Sitzen, die Sprache, die Gesten, das Benehmen, alles war vorgegeben und die Einhaltung wurde streng überwacht. Als Frankreich unter der Herrschaft Ludwig XIV, des Sonnenkönigs, die politische und kulturelle Führung in Europa angetreten hatte, wurde die französische Etikette von zahlreichen Fürstentümern in Deutschland übernommen. Schlimmer war es in Österreich, wo an der steifen spanischen Etikette festgehalten wurde. Ein Relikt ist heute noch in dem Ausdruck ”Küß´ die Hand” erhalten geblieben. Hier führte die Etikette soweit, das sobald am Hofe der Name des Königs ausgesprochen wurde, alle sitzenden Personen aufstehen und sich verbeugen mußten.

Auch die Kleidung wurden der Etikette unterworfen. Eine Vereinheitlichung der höfischen Mode sowie neue Modetrends gingen vom französischen Hof aus. Die französische Mode ward zur Weltmode.

In den Männerkleidung schmolz der Wams zu einem kleinen, vorn offenen Jäckchen zusammen, dessen Ärmel nur noch bis zum Ellenbogen reichten. Die Hosen glichen weiten Röcken, die unter den Knien mit Spitzenmanschetten zusammengehalten wurden. Eine sehr praktische Erfindung waren die Hosentaschen.

Überall zwischen Wams und Hosen, an den Ärmeln und am Halsausschnitt quoll das Hemd hervor. Am Hemdkragen befestigte man eine Brosche oder ein Halstuch, woraus sich später die Krawatte bildete. Geradezu überwuchert wurde die Kleidung von den sogenannten Bandschluppen und von Spitzen.
Darüber wurde ein Überrock getragen, tailliert und mit glatten Ärmeln geschnitten. Dieser war oft reichlich mit Taschen, Knöpfen und Stickereien verziert.

Am Fuß wurden edle seidene Strümpfe, die bis unter den Rock reichten, getragen. Die Schuhe wuchsen in der Länge und die Absätze wuchsen in die Höhe. Die Spitze vorn war abgestumpft. Auch das Schuhwerk verzierte man reich mit Bändern, Schnallen und dergleichen.
Die wohl charakteristischste Haartracht dieser Zeit war die Perücke. Entsprach zunächst die Form und Fülle weitestgehend den natürlichen Haaren, schwoll die Lockenpracht unaufhörlich an. Die sogenannten Lockenflügel bedeckten bald Brust und Rücken und auf dem Kopf bildeten sich wahre Lockenberge. Vermutlich geht die Entwicklung der aufgetürmten Allogneperuücke auf den Friseur Ludwigs XIV. zurück: Ludwig war klein von Wuchs und durch eine Krankheit bereits früh kahlköpfig. Die großartigen Perücken sollten ihm zu einer eindrucksvolleren Erscheinung verhelfen.
Am Hofe durften nur Kleider aus Samt-, Seide- und Brokatstoffen getragen werden, die Wollstoffe erhielten einen bürgerlichen Charakter. Die Gewänder waren mit Gold- und Silberstickereien übersät. Zu Bällen wurden zusätzlich Diamanten angebracht.
Zum unverzichtbaren Beiwerk gehörten der Stock und der Degen. Auch hier waren die Griffe verschwenderisch verziert.
Zusammenfassend kann man sagen, daß die Männermode stark feminin geprägt war.
Der Rock der Frauen verlängerte sich wieder zur Schleppe. Die Taille wurde eng geschnürt und senkte sich vorn in eine Spitze, dem Blankscheit, welches mit Stahlschienen abgesteift war.
Das Korsett, aus kostbaren Soffen hergestellt und mit Schleifen verziert, entwickelte sich zum selbständigen Kleidungsstück, indem es einfach mit Ärmeln versehen wurde. Es konnte auch ohne das Mieder, welches sich wiederum genau der Form des Korsetts anpaßte, getragen werden. Oft wurde das Mieder nur an der Taille zusammengezogen, um einen freien Blick auf das Korsett zu gewähren.

Da in dieser Zeit der Lebenswandel der Adligen am Hofe des Königs vor allem der Liebe und ihren Machenschaften unterworfen war, mußte auch dem Ausschnitt eine neue zeitgemäße Form verliehen werden. Zuerst bildete ein tiefes, breites Oval den Ausschnitt, später wurde er vergrößert und schloß schließlich horizontal ab.

Die Haare türmten sich etagenförmig zu Lockenbergen auf und konnten den Kopf bis zu zwei Kopflängen überragen. Nur ein paar dünne, spiralförmige Locken durften in den Nacken fallen. Wo die Haarpracht fehlte, wurden Perückenteile verwendet.

Die Schuhe waren schmal und spitz geschnitten. Sie hatten zuerst einen hohen geraden Absatz, der später durch einen geschwungenen ersetzt wurde.
Den Herren gleich hatten die Damen als modisches Beiwerk einen Stock, auf den sie sich beim promenieren in den angelegten Gärten und Parkanlagen stützten. Der unabdingbare Sonnenschirm schützte den weißen Teint.
Auch der Fächer erlebte in dieser Epoche seine Blütezeit.
In ihren privaten Gemächern bevorzugten die Frauen und Männer Hauskleidung, die wesentlich leichter war, aber dennoch reichlich verziert. Auch wurden hier lieber Pantoffeln getragen.
Die Kleidung der nichtadeligen Bevölkerung entwickelte sich nur langsam, orientierte sich aber wohl an den modischen Einflüssen der Fürstenhöfe. Allerdings waren manche prächtigen Stoffen und Accessoires den einfachen Schichten durch strenge Kleiderordnungen regelrecht verboten.

Die Körperpflege wurde in dieser Zeit vernachlässigt. Da das Waschen mit Wasser als ungesund galt, wurde es durch starkes Parfümieren ersetzt. So bestand die morgendliche Toilette aus einem kurzen Eintauchen der Hände in Wasser und das anschließende betupfen mit Eau de Cologne.

Der Barock ist der letzte gesamteuropäische Stil, der alle Lebensbereiche beeinflußte. In diesem Artikel konnte nur eine kurze Übersicht über die Architektur, Kunst, Literatur, Möbelherstellung und Mode wiedergegeben werden.

Das Widersprüchliche, die Bewegung und Spannung, die Auseinandersetzung mit den Gegensätzen, wie Liebe und Haß, Leben und Tod, bilden die Grundlage für diese Epoche und können durchaus auf unsere heutige Existenz übertragen werden.

Text und Fotos: Annett
 

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