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Online-Magazin - Magazine - Ausgabe 5 - 2000

 Sterben, Tod und Trauer - Bestattungsrituale - Teil 3

Mumien im Altertum

Mumifizierung - die Präparierung des Leichnams - kann auf natürlichem und künstlichem Weg erfolgen. Beim Ersten sind Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Umgebungsbeschaffenheit und/oder Luftabschluß von großer Bedeutung. Auf diese Art der Leichnamerhaltung wird in einer späteren Ausgabe näher eingegangen.

Die künstliche Mumifizierung hatte vor allem religiöse Gründe. Viele Völker, so auch die Ägypter, konnten sich ein Weiterleben nach dem Tode nur vorstellen, wenn der Körper des Verstorbenen unversehrt blieb. Bei den Griechen bestand diese religiöse Fürsorgepflicht nicht. Trotzdem konservierten sie Mitmenschen von herausragender Bedeutung um ihr Bedürfnis zu befriedigen, den Verstorbenen, der normalerweise verbrannt wurde, auch nach dem Tode anschauen und besuchen zu können.

Ein dritter Grund, warum der Leichnam mumifiziert wurde war der Tod fern der Heimat oder Totenfeiern von mehrwöchiger Dauer. In beiden Fällen konnte der Verstorbene nicht sofort am gewünschten Ort bestattet werden, sondern sollte noch über längeren Strecken transportiert und zur Schau gestellt werden - entsprechend den vorgeschriebenen Begräbnisfeierlich-keiten.

Neben dem Alten Ägypten, das zu Recht als Königreich der Mumien galt, spielte die Mumifizierung auch im Alten Peru, bei den Skythen in Südrußland und bei den Chinesen eine bedeutende Rolle. Bei anderen Völkern und Kulturen waren es eher Randerscheinungen des religiösen oder staatlichen Lebens.

Wie wurde nun mumifiziert? Um den Leichnam dauerhaft zu erhalten, mußte er vor zersetzenden Umwelt- und Natureinflüssen wie Fäulnis (Zersetzung durch Bakterien unter Sauerstoffausschluß), Verwesung (Zersetzung in Verbindung mit Sauerstoff), hoher Luftfeuchtigkeit, Kleinlebewesenbefall (Erdbewohner), Insekten (Fliegenlarven), Temperatur(-schwankungen) und ähnlichen geschützt werden. Die Präparierung der meisten Völker zielte auf die Austrocknung und Einbalsamierung des Verstorben. Eine andere Methode war die der Konservierung unter Luftabschluß in Honig oder chemischen Flüssigkeiten.

Die alten Ägypter entwickelten ihre Techniken im Laufe von über 1500 Jahren immer weiter, bis sie ihre Toten dauerhaft er-halten konnten und damit Weltruhm erlangten. Die gesamte Ära der Haltbarmachung umfaßte dort die Zeit von ungefähr 2600 v.Chr. bis in die ersten Jahrhunderte n.Chr.. Anfangs wurden die Verstorbenen noch nicht mumifiziert sondern bestenfalls balsamiert, indem man sie mit allerlei Essenzen, Kräutern, Salben und Ölen einstrich und in Binden wickelte. 200 Jahre später entdeckte man, daß durch die Entfernung der Eingeweide der Leichnam besser erhalten werden konnte. Es dauerte aber noch fast 1000 Jahre, bis man erkannte, daß auch das Gehirn entfernt werden muß. Um 2000 v.Chr. stellten die Ägypter weit wichtigeres fest.

Die mumifizierten inneren Organe (Därme, Leber, Magen und Lunge) wurden getrennt eingewickelt, verschnürt und in vier Eingeweidekrügen, sogenannten Kanopen, verstaut. Die Deckel dieser Krüge waren den Köpfen der Bewacher nachempfunden. Amset (menschenköpfig) bewachte die Leber, Duamutef (hundeköpfig) bewachte den Magen, Kebehsenuf (falkenköpfig) bewachte die Därme und Hapi (affenköpfig) bewachte die Lunge. Die Hohlräume des getrockneten Körpers wurden mit Lehm, Sand, trocknen Flechten, Wachs oder harzgetränkten Binden verfüllt. Zuweilen unterfütterte man bestimmte Stellen der Haut auch mit feuchtem Ton, um sie anschließend zu modellieren. Ziel war es, den mumifizierten Körper naturgetreu wiederherzustellen. Im Anschluß erfolgte die Bandagierung; ein Ritual nach festen Regeln. Dabei führte ein Priester in der Maske des schakalköpfigen Gottes Anubis die Oberaufsicht. Anubis war der Wächter der Unterwelt und der Gott der Mumifizierer. Zuerst wurden die Gliedmaßen, der Korpus und der Kopf getrennt, dann gemeinsam mit langen, schmalen Leinenbinden umwickelt. Zwischen den einzeln Lagen schoben Priester heilbringende und zauberkräftige Amulette. Um den Leichnam gänzlich gegen die Außenwelt abzuschirmen, überzogen die Präpariere die Mumien zusätzlich mit einer Schutzschicht aus Lehm, Gips, Wachs, Leim oder Harz. Bei besonders hochgestellten Persönlichkeiten schützte man den Kopf außerdem mit einer Totenmaske, die beim Pharao aus purem Gold sein konnte, bei anderen aber auch nur aus Pappmaché. Im ersten Jahrhundert v.Chr. ersetzte die Totenmaske ein auf Holz gemaltes Totenportrait. Die Ägypter glaubten an die Wiederbelebung ihrer Verstorbenen. Für sie war die Mumie ein sehr kostbares und wichtiges "Gefäß", in das die Götter zu gegebener Zeit neue Lebenskraft gießen würden. Voraussetzung dafür war aber eine gezielte magische Handlung: das Ritual der Mundöffnung. Es wurde unmittelbar vor der Bestattung von einem Priester vollzogen und ging mit leidenschaftlichen Anrufungen der Götter einher. Diese Szene ist auf vielen Wandmalereien eindrucksvoll dargestellt worden. In feierlichem Geleit zogen die Trauernden hinaus an den Rand der Wüste zur Totenstadt: ein von Rindern gezogener Schlitten transportierte die in ihrem Sarg eingeschlossene Mumie; begleitet von Priestern; den Angehörigen des Verstorbenen; Klageweibern, die sich Asche aufs Haupt streuten; ein von Sklaven gezogener Schlitten mit dem Kanopenkasten; Diener, die Möbel, Kisten, kleine Figuren und Lebensmittel trugen. Im Angesicht des Grabes wurde der Sarg geöffnet und ein Priester in der Maske des Anubis richtete die Mumie auf und stellte sie Auge in Auge mit der Trauergemeinde; ein Rind wurde geopfert, Gebete und feierlicher Gesänge erklangen; der Tote wurde mit reinigendem Wasser besprüht; Weihrauch dampfte gen Himmel. Dann der Höhepunkt der Zeremonie: der Priester trat vor die Mumie und berührte mit einem Dechsel, einem gekrümmten Bildhauerwerkzeug, und anderen rituellen Geräten Augen, Ohren, Nase und Mund der Totenmaske; das Wehgeschrei der Klageweiber verstummte, mit flehentlich erhobenen Armen sanken die Angehörigen vor der Mumie in die Knie. Dies war nun der Augenblick, worauf die Mumifizierung letzten Endes abzielte: Verwandlung und neuer Anfang! Eine geheimnisvolle Kraft strömte in den toten Körper; von nun an konnte er seine Umgebung wieder mit allen fünf Sinnen wahrnehmen. Auf wundersame Weise belebt, geleitete man ihn in seine "ewige Wohnung" und gab ihm alles lebensnotwendige mit.

Durch Behandlung mit Natron konnte dem Körper fast das ganze Wasser entzogen werden, was die Konservierung wesentlich verbesserte. Doch erst durch Nachtrocknung an der Sonne oder über einem offenem Feuer entwich dem Körper auch der letzte Rest an Feuchtigkeit. So erreichte die ägyptische Konservierungsmethode um 1500 v.Chr. ihren hohen Stand, der sie berühmt machte.

Was geschah nun im einzelnen? Wenn ein Ägypter gestorben war, brachten ihn seine Angehörigen nach einer angemessenen Trauerfrist zum "Reinigungszelt". Solche Empfangskapellen gab es an vielen Stellen am Westufer des Nils. Dort erfolgte die feierliche Aufbahrung und die rituelle Waschung unter Gebeten, Gesängen und Weihrauchspenden. Danach wurde der Leichnam in eine benachbarte Mumienwerkstatt gebracht und bis auf das Herz (also auch das Gehirn) “ausgeweidet”. Die leeren Körperhöhlen wurden nun mit Wasser und Palmwein gereinigt. Danach wurden die entnommenen Eingeweide und der Körper mit Natron ausgefüllt und bedeckt. Der Prozeß der Entwässerung dauerte mehrere Wochen. Zur Nachtrocknung legte man den Körper in die Sonne oder auf ein Gestell über offenem Feuer. Insgesamt dauerte diese Prozedur bis hierher mindestens 6 Wochen.

Für Ärmere gab es jedoch auch kürzere Verfahren, bei denen man im einfachsten Falle die Eingeweide an Ort und Stelle beließ. Neusten Erkenntnissen zu folge verfärbten sich die toten Körper nicht im Laufe der Jahrtausende der Totenruhe sondern während des Mumifizierens und zeigten somit schon vor der Bestattung eine braune bis schwarze Färbung.
Die Kunst der Mumifizierung beherrschten auch die Skythen, ein Volk von Nomaden, das im 7. Jahrhundert v.Chr. aus Persien in die wasserreichen Gras- und Waldsteppen Südrußlands einfiel und dort später ein "halb-nomadisches" Königreich ohne Städte schuf. Starb bei ihnen ein König oder Fürst, so wurde der Leichnam ausgeweidet, präpariert, festlich gekleidet und danach mit großem Aufwand im ganzen Lande umhergefahren. Erst nach Wochen begrub man den Toten, nicht selten zusammen mit seinen Lieblingsfrauen, seinem Hofstaat, seinen Pferden, und reichen Grabbeigaben, tief unter der Erde in einer hölzernen Gruft oder einer weitverzweigten Katakombe. Darüber häuften Sklaven als sichtbares Grabmonument einen riesigen Erdhügel auf. Dieser konnte am Fuße einen Durchmesser von über 100 Metern und ein Höhe von fast 18 Metern haben.

Im Alten Peru, womit eine Fläche bezeichnet wird, die größer ist als das heutige Land Peru, entstanden ab etwa 1500 v.Chr. rund ein Dutzend hochentwickelter Indianerkulturen. Vielerorts standen Architektur, Kunst und Handwerk in hoher Blüte und ähnlich den Alten Ägyptern versuchte man auch hier, die Leiber der Verstorbenen möglichst lange zu erhalten. Einer ihrer heute sehr bedeutenden Friedhöfe befindet sich in einem Ort namens Paracas an der heißen und trockenen Küstenebene Südperus. Den Leichnamen wurden vermutlich nicht die Eingeweide entnommen. Fest steht, daß sie mit verschiedenen Harzen oder einer Art Asphalt bestrichen und dann in der Sonne oder über Feuer "getrocknet" wurden. Die Beigesetzten fand man mit angezogenen Beinen in flachen Körben sitzend und in mehrere Lagen Stoffe eingewickelt. Das konnten einige Bahnen grob gewebter Baumwolle aber auch edleres sein. Würdenträger waren in bis zu 40 (!) sogenannten "Mantos" eingehüllt. Mantos sind bettlakengroße Baumwolltücher in leuchtenden Farben, die Frauenhände mit Stickereien von höchster Qualität verziert hatten. Berechnungen ergaben, daß für diese einmaligen Meisterwerke Weberinnen und Stickerinnen Jahrzehnte benötigten!

Aber nicht nur die "Mumienbündel" umhüllten die Mantos schalenartig sondern auch die Grabbeilagen, wie Kleidungsstücke, Schmuck, Waffen ,Nahrungsmittel, Töpferwaren, Handwerkzeug und sogar kleine mumifizierte Haustiere. (Diese Beschreibung muß leider lückenhaft bleiben, da die Erkenntnisse über die Inkas nicht so zahlreich sind wie die über die Alten Ägypter, da vieles, was die Eroberer im ausgehenden Mittelalter noch lebendig vorfanden, mutwillig zerstört oder gestohlen wurde. Zum Anderen kannten die Inkas keine Schrift und so sind uns leider keine Aufzeichnungen hinterlassen worden). Diese Art der Bestattung war typisch für die Gegend um Paracas, anderswo wurden Tote zwar balsamiert oder mumifiziert jedoch nicht bestattet und waren bei Festen und Ritualen gegenwärtig.

Einer völlig anderen Methode der Mumifizierung bedienten sich die Menschen im alten China. Dort wurden seit 1975 über 2000 Jahre alte Gräber von Adligen und Beamten entdeckt, wie es sie sonst nirgendwo auf der Welt gibt. Die Körper waren in allen Fällen vollkommen unversehrt und kein Organ fehlte. Die Toten ruhten auf einer Sohle von bis zu 20 Metern tiefen Grabschächten in mehreren, ineinander verschachtelten Särgen, die mit einer Schicht Holzkohle und einem dicken Mantel aus weißem Lehm umgeben waren. Die toten Körper zeigten keine Zeichen sichtbaren Verfalls. Ihre Haut war elastisch, Körper und Gliedmaßen beweglich, Gehirn und Organe kaum geschrumpft. Die Ursache dieses sehr guten Zustandes liegt in einer dunkelbraunroten, stark quecksilberhaltigen Flüssigkeit, mit der die inneren Särge gefüllt waren. Ihre genaue Zusammensetzung und Wirkungsweise ist noch nicht endgültig geklärt; wie die gesamte Erforschung des chinesischen Mumienwesens erst am Anfang steht. Informationen aus dem Reich der Mitte sind in dieser Hinsicht leider recht spärlich.

Grafiken: Stefan Linzner,
Bericht: Fred Brilatus
 

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