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Online-Magazin - Magazine - Ausgabe 6 - 2001

 Sterben, Tod und Trauer - Bestattungsrituale - Teil 4

Tod und Mythologie bei Griechen und Römern

Zunächst sei angemerkt, daß die Quellen für die folgenden Schilderungen zum Teil widersprüchlich sind und daß sich - aufgrund der großen Zeitspanne und des riesigen Einflußgebietes der hier beschriebenen Epoche – bestimmte Riten und Gebräuche sehr individuell und unterschiedlich entwickelt haben.
Ich möchte aber dennoch versuchen, einen möglichst umfassenden Eindruck der wichtigsten Elemente des griechischen und römischen Totenkults zu vermitteln.

Die Griechen

Die große Zeit der Griechen umfaßte etwa das letzte Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung (v.u.Z.). Sie lebten auf dem Gebiet des heutigen Griechenland in Stadtstaaten. Griechische Händler gründeten aber auch Kolonien an den Küsten des Schwarzen- und des Mittelmeeres. Das Reich Alexanders des Großen (um 338 – 323 v.u.Z.) umspannte die Welt sogar von Südwesteuropa über Nordafrika bis Indien.

Hatte sich bei den antiken Griechen ein Todesfall ereignet, so war die Bestattung des Leichnams höchste Pflicht der Angehörigen. Die Vernachlässigung war eine schwere Sünde gegen den Toten und gegen die Götter der Ober- und Unterwelt. Der Verstorbene konnte ohne Beerdigung keinen Einlaß in das Reich des Hades erlangen.

Hades war der Gott der Toten und Herrscher der gleichnamigen Unterwelt. Sein dreiköpfiger Höllenhund Zerberus, auch Kerberos genannt, bewachte den Eingang zur Unterwelt und gestattete jedem den Eintritt, aber er ließ niemanden mehr heraus. Persephone, die Tochter der Demeter, der Göttin der Fruchtbarkeit und der Ernte, war seine Gattin. (Er raubte und ehelichte sie. Daraufhin ließ Demeter die Frucht der Felder verdorren und eine große Hungersnot zog in die Welt. Zeus entschied daraufhin, daß sie die eine Hälfte des Jahres dem Reich des Hades, die andere aber der Oberwelt angehören solle. Während Persephone in der Oberwelt weilte, ließ Demeter die Welt aufblühen, im anderen Halbjahr jedoch verdorren. So entstand der Wechsel zwischen fruchttragender Sommerzeit und kahlem Winter.)

Der Verstorbene wurde mit duftenden Essenzen gewaschen und in weiße Gewänder gekleidet. Dann umwickelte man ihn mit Binden, hüllte ihn in ein Leichentuch und legte ihn mit unbedecktem Gesicht auf das Totenbett. Sein Kopf, von Blüten bekränzt, ruhte auf einem Kissen. Der so hergerichtete Leichnam wurde öffentlich aufgebahrt, in Athen im Trauerhause, an anderen Orten vor den Türen. Am Totenbett versammelte sich die Familie in Trauerkleidung, um des Verstorbenen zu gedenken. Um sie herum stimmten (bezahlte) Klageweiber ihre Totenklage an. Am dritten Tage wurde der Tote im feierlichen Zug unter Vorantritt von Flötenspielerinnen durch die Straßen getragen. Bei den reichen Familien entfaltete sich dabei eine maßlose Pracht. Wagen und Gruppen zu Fuß folgten dem prunkvollen Leichenwagen, dem Ekphorá. Die Bestattung des Leichnams erfolgte vor Sonnenaufgang, damit sein Anblick nicht die Götter beleidige.
Der Verstorbene wurde entweder begraben oder verbrannt. Die Verbrennung erfolgte im Grabe selbst oder auf besonderen Brandplätzen. Die Asche wurde in einer Urne bestattet. Bei Erdbestattungen wurden die Toten je nach Vermögen in Ziegelplatten- oder Holzsärgen gebettet. Wohlhabende ließen sich in Sarkophagen aus Porosstein oder Marmor beisetzen.

Gerne legte man den Toten reichliche Gaben mit ins Grab wie zum Beispiel kleine Götterbilder, Menschen- oder Tierfigürchen, Trinkgefäße, Waffen oder Hausgeräte. Den Frauen zusätzlich Spiegel, Schmuckkästchen, Salb- und Ölfläschchen, den Kindern Spielzeug und den Siegern in den Wettkämpfen ihre Siegerpreise. Erst in späterer Zeit (ca. 400 v.u.Z.) legte man dem Toten einen Obolus, ein Geldstück, zwischen die Zähne. Er diente zur Bezahlung von Charon, dem Fährmann, der die Toten über den Fluß Styx zum Hades übersetzte.

Um die Götter milde zu stimmen, opferten die Hinterbliebenen am Grabe vor allem Stiere(!), aber auch andere Tiere. Die Erde und das Grab tränke man mit Wein und etwas von dem Öl, mit dem man den Toten gesalbt hatte. Das Öl verwahrte man in besonderen einhenkeligen Kännchen mit zylindrischem Körper und dünnem Hals, den sogenannten Lekythen, die später ausschließlich für den Totenkult verwendet wurden.
Vor den hoch aufgeworfenen Grabhügeln standen die Grabdenkmäler. Um 700 v.u.Z. waren dies lebensgroße Statuen, nackte Jünglinge, sogenannte Kouroi, später schmale Stelen (kleine steinerne Pfeiler mit Relieffiguren).
Die berühmten attischen Grabreliefs entwickelten sich um 500 v.u.Z.. Der Verstorbene begegnet uns darauf in traulichem Beisammensein mit Angehörigen und Freunden, manchmal aber auch allein.
Nach dem Abschied von dem Verstorbenen erfolgte eine sühnende Reinigung des Trauerhauses und seiner Bewohner. Erst danach wurde im Hause das Leichenmahl gehalten.

Die Familien versammelten sich am Todestag ihres Verstorbenen an dessen Grab und brachten ihm oder ihr Opfergaben und Trankspenden. Wer die Toten nicht ehrte, lud Unheil auf sich. Die am Rande der Städte liegenden Friedhöfe lagen deshalb niemals verlassen da, sondern wurden stets von vielen Menschen aufgesucht.

Für einen Griechen war es selbst im Kriege undenkbar, seine gefallenen Kameraden nicht zu bestatten. Dieses Recht wurde auch dem Gegner eingeräumt. Man suchte sorgfältig das Schlachtfeld ab, um keinen Gefallenen zu übersehen. Den Toten wurden die Rüstungen und die Waffen abgenommen, bevor man sie beerdigte. Die Gebeine der in unmittelbarer Nähe von Athen gefallenen Krieger wurden gesammelt und am Ende des Jahres auf dem Staatsfriedhof außerhalb der Befestigungsmauern im Nordwesten der Stadt beigesetzt, wobei ein vom Volk erwählter, bedeutender Bürger die Leichenrede hielt.

Für jene Toten, egal ob eines natürlichen Todes gestorben oder im Kampf gefallen, deren Leichname nicht gefunden werden konnten, wie z.B. für die, die im Meer ertrunken waren, errichtete man leere Grabmäler, sogenannte Kenotaphien.
Die bei den Römern übliche Bestattung an Straßenrändern kam auch bei den Griechen vor. Viele monumentale, als Schmuck der Gräber verwendete Vasen fanden sich in Bruchstücken auf alten Begräbnisstätten. Die Darstellungen auf ihnen zeigen meistens die Aufbahrung und die feierliche Fahrt zum Grabe.
 

Die Römer

Mit der Gründung Roms im Jahre 753 vor unserer Zeitrechnung begann die Entwicklung und Ausdehnung des Römischen Reiches. Seine größte Ausdehnung erlangte es um das Jahr 117 unserer Zeitrechnung, als es den gesamten Mittelmeerraum beherrschte, dazu noch fast ganz Kleinasien, die Iberische Halbinsel, sowie Westeuropa, den Balkan und Teile des Schwarzen Meeres. Durch innere und äußere Kämpfe geschwächt und geteilt, ging es ab dem 2.Jahrhundert in andere Staaten auf.

Die Bestattungsarten waren sehr verschieden. In ältester Zeit (ca. 400 vor unserer Zeitrechnung) erfolgte die Bestattung des Leichnams in einem einfachen Sarkophag, der häufig nur ein ausgehöhlter Baumstamm war. Die Feuerbestattung wurde aber schon bald die gebräuchlichste Form der Beerdigung.
Das Grab wurde anfangs nur mit einem Zweig oder Stein gekennzeichnet. Doch schon bald errichtete man mit Inschriften versehene Monumente, die die Gegenwart des Toten anzeigen sollten. Meist waren diese Gräber entlang der Straßen angeordnet. Wohlhabende errichteten Altäre, Kapellen und Mausoleen. Häufig war das Grab noch von einem Garten mit einem Gitter umgeben. In diesen Gärten wurde das jährliche Totenmahl gefeiert. Dazu trafen sich alle Angehörigen sowie Freunde und opferten der Seele des Verstorbenen lebensnotwendige Gaben.
Die Gräber waren durch strenge Gesetze geschützt. Begräbnisvereine sicherten den Armen das Begräbnis in einem Columbarium. Columbarien finden wir auch auf den meisten heutigen Friedhöfen wieder. Es sind betonierte bzw. gemauerte Wände mit verschließbaren Urnennischen.

Die Götter der Römer waren allgegenwärtig und die Angst vor Dämonen oft vorhanden. Überall, in jedem Ding, konnten oft ungenannte “Dämonen” wirken, übernatürliche Kräfte, die sich aus dem Jenseits erhoben, um den Menschen zu helfen oder sie zu quälen. Selbst die Ahnen der Familie hielt es nicht in ihren Gräbern. An bestimmten Tagen des Jahres öffneten sich die Tore der Unterwelt, und die Lebenden mußten die Manen (manes) besänftigen. Durch die Benennung der Manes, das heißt der gutartigen, wohlwollenden Seelen oder Schattengeister der Toten, suchte man diese günstig zu stimmen, gerade weil man wußte, wie böse sie sein konnten. Während alle Angehörigen des Hauses um den Herd versammelt waren, trat der Familienvater an diesen Tagen allein in die Nacht hinaus und warf den Geistern eine Handvoll gekochter Bohnen vor.

Bei den Bestattungen, die ähnlich denen der Griechen waren, konnten die Toten sogar ans Licht der Öffentlichkeit zurückkehren: in den Trauerzügen, die den Leichnam zum Scheiterhaufen begleiteten, wurden sie von Schauspielern mit Masken der Vorfahren, manchmal auch mit Masken der Vorfahren befreundeter Familien, dargestellt. Die Toten “empfingen” so den Neuankömmling. Auch der Verstorbene war in Person anwesend: seit Augustinischer Zeit (um das Jahr 0), in anderer Form teilweise schon früher, war es üblich, daß ein Schauspieler in der Maske des Verstorbenen der Tragbahre mit dem Leichnam voranschritt. Durch das Nachahmen des Toten verlängerte sich gleichsam dessen Leben bis zur endgültigen Zerstörung des Körpers. Der Tote ruhte, allen sichtbar, auf dem Weg zum Brandplatz (die Verbrennung war bis zur Mitte des 2.Jahrhunderts unserer Zeitrechnung die häufigste Form der Bestattung) auf seinem Lectus oder Kline genanntem Totenbett, das in einer von Musikanten angeführten Prozession von mehreren Männern getragen wurde. Klageweiber folgten dem Zug. Oft wurde nicht nur der Leichnam, in ein weißes Gewand gehüllt und verbrannt, sondern auch das Totenbett. Dies mag angesichts der teilweise sehr aufwendig gestalteten Klinen als pure Verschwendung erscheinen, doch ab einer bestimmten sozialen Schicht aufwärts, verband man die Verpflichtung zur Totenehrung mit einer aufwendigeren Totenfürsorge und der Notwendigkeit, das soziale Gefüge über den Tod hinaus aufrecht zu erhalten.

Die Lebensphilosophie der Römer unterschied sich in einem wichtigen Punkt von der der Griechen. Rom verteidigte sich gegen den Tod nicht durch Streben nach geistiger und körperlicher Schönheit, wie die Hellenen (Platon(427-347 v.u.Z.) erklärt die Liebe aus der Sehnsucht des Menschen, sich in der Schönheit zu verewigen), sondern durch Tugend. Rom besiegte den Tod, das Abtreten aus der Gegenwart, durch den Ruhm. Nichts war dem Römer wichtiger, als der gute Ruf, den er im Leben zu erringen strebte, denn nur der Ruhm überdauerte ihrer Meinung nach den Tod.

So groß war zum Beispiel der Ruhm der römischen Cäsaren, daß ihnen nach ihrem Tode die Ehre der Apotheose zuteil wurde. Apotheose heißt soviel wie Vergöttlichung, daß heißt, der verstorbene Kaiser wurde zu einer Art göttlichem Wesen. Dargestellt wurde die Vergöttlichung in einem besonderen Ritual: aus dem Rauch des verbrennenden Leichnams ließ man einen großen Adler in den Himmel aufsteigen.

Das Grab bedeutete dem Römer mehr als nur eine Ruhrstätte, in der die Asche des Toten den “Schlaf der Erde” schläft und in der die Manen des Toten durch die jährlichen Opfergaben (Mehl, Honig, Milch, Wein, Blumen,..) zum neuem Leben erweckt werden. Das Grab stellte für die Römer vor allem ein Monument dar, das die Taten des Verstorbenen für die Lebenden verewigen sollte. Viele Gräber wurden entlang der Straßen zu den Städten und um die Stadttore angelegt: Wenn die Vorübergehenden die Grabinschriften lasen, lebte der Tote “auf den Lippen der Menschen” fort. Seine “Befriedigung” wurde um so größer, je öfter die Lebenden seinen Namen, wenn auch nur mechanisch, nachsprachen. Die meisten Gräber wurden mit Statuen der Verstorbenen geschmückt, die, ohne sich um eine idealisierte Darstellung zu bemühen, selbst in den schlichtesten Büsten noch die charakteristischen Züge des Gesichts festzuhalten wußten. Der ersehnte ewige Nachruhm war der Ausgleich für den einzelnen, den die Gesellschaft zu seinen Lebzeiten in tausend Schranken hielt.
Ein Beispiel dazu: “Als Magistrat konnte er sein Werk nicht über das Amtsjahr hinaus verfolgen, als Feldherr hatte er keine Gelegenheit, den entscheidenden Sieg zu erringen, und mußte einem Nachfolger den Ruhm lassen. Erst im Tod wird er endlich wieder er selbst. Sein Leben gewinnt beispielhaften Wert, sofern es das römische Ideal erreicht hat: virtus, pietas, fides. (etwa Tugend, Gerechtigkeit, Treue)”

Text: Fred Brilatus
Grafiken, Bilder: Museum für Sepukralkultur in Kassel

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