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Online-Magazin - Magazine - Ausgabe 3 - 1999

 Bestattungsrituale I - Glaube, Tod und Trauer -

In der Vorankündigung der letzten Ausgabe führten wir auch das Thema "Bestattungsrituale" auf. Im Laufe der Recherche hat sich schnell gezeigt, daß man mit einem einzigen Bericht diesem Thema unmöglich gerecht werden kann. Und so möchten wir Euch nun nach und nach in einer kleinen Serie mit den verschiedenen Seiten der Sepulkralkultur bekannt machen. Hier nun eine kleine Einführung:

Mit dem Sterben endet die Gegenwärtigkeit des Lebenden und es beginnt das "Bestattungsritual". Etliche Menschen sorgen dafür schon zu Lebzeiten vor, viele nicht, andere werden vom Tod frühzeitig überrascht.

Der Tod gehört wie das Leben zur Existenz einer Gesellschaft wird aber von einem Großteil der Bevölkerung tabuisiert und verdrängt. Früher waren die Menschen mit dem Tod vertrauter, da er häufiger, hautnah und unmittelbarer geschah. Durch Hungersnöte, Krieg und Seuchen raffte er Millionen dahin. Die gleichen Katastrophen gibt es heute auch noch, nur in etwas anderer Form und meist durch zum Teil sensationsgierige Medien gefiltert (ist übrigens alles eine Frage von  Nachfrage und Angebot!) - aber vor allem weit weg von uns. Reizüberflutet reagieren wir nicht mehr auf über die "Mattscheibe" flimmernde Szenen. Verdrängt aus der- so gesehen - persönlichen (Er-)Lebenswelt, wird ein großer Bogen um das Thema Tod und Sterben gemacht. Doch irgendwann ereilt es einen jeden!

Angesichts der heute bei uns hohen Lebenserwartung, macht man sich nur selten Gedanken um den persönlichen Tod und nur wenige treffen Vorkehrungen in der Blüte ihrer Jahre. Die Sorge um das "Seelenheil" existiert kaum noch. Viele wollen nur eine ‚anständige‘ Grabstätte haben, für die man sich nicht schämen muß und die dem Status, den man im Leben hatte Ausdruck verleiht. Grabbeigaben sind bei uns selten geworden. Das liegt nicht nur am christlichen Glauben, der ja die Überzeugung vertritt, daß der Mensch nackt, ohne irdische Güter und somit allen anderen gleich vor Gott tritt.

Es liegt ganz einfach auch an der potentiellen Umweltbelastung, die z.B. kunststoffhaltige Gegenstände darstellen   können. Ein riesen Problem sind ja jetzt schon künstliche Gelenke, Herzschrittmacher und Silikonkissen, etc..

Im Mittelalter rechtzeitig an die Stunde denken, in der man aus dieser Welt scheiden muß, konnte nur heißen, in der  Fülle der Lebenskraft bestimmte Maßnahmen zu ergreifen. Sollte der Tod den Menschen nicht unvorbereitet treffen, mußte man beizeiten an die Seele denken, die nach dem Tode weiterleben würde. Gefaßter konnte dem Tod und dem Gottesgericht entgegensehen, wer rechtschaffen lebte und sein Tun an den Normen des Evangeliums und den Lehren der Kirche  ausrichtete. Man glaubte an ein Weiterleben der Seele, der körperliche Eigenschaften zugesprochen wurden. Es gab verschiedene Vorstellungen vom Übergang ins Jenseits wie die tagelange Wanderung durch eine Dornenheide oder das Überqueren einer Seelenbrücke.
Die Totenfürsorge galt als Werk der Barmherzigkeit und der Pietät. Doch nur die Seelen der sorgsam und in geweihter Erde bestatteten Menschen würden, so die Überzeugung, ins Jenseits kommen. Ausgegrenzt von der kirchlichen Beerdigung blieben Heiden, Ketzer, Selbstmörder und Exkommunizierte.

Für das Seelenheil wurden im Laufe der Jahrhunderte Tausende Stiftungen gemacht. Ein Weinberg, eine Mühle, Geld und Schmuck wurden einer Kirche, einem Kloster oder einem Spital vermacht mit der Auflage, den Stifter namentlich am Tage seines Todes und eine Zeit lang danach  (Seelenmessen) der Güte Gottes zu empfehlen. Außerdem konnte man bei drohendem politischem Umschwung wenigsten teilweise Vermögen retten, so man sich selbst zum Beispiel einen Teil des Erlöses aus dem gestifteten Weinberge auf Lebenszeit vorbehielt. Dabei war ein sich zu Lebzeiten sehr positiv auszahlender Nebeneffekt, daß man durch Schenkungen und Stiftungen viele einflußreiche Äbte und Mönche für sich gewinnen konnte. Die neuen Machthaber hatten kein Interesse daran, die der Kirche gemachten Schenkungen zurückzufordern, um die eigene Beutemenge zu vergrößern, denn mit einflußreichen Kirchenmännern wollte sich kaum einer verfeinden. Außerdem wollte kein Kriegsherr, wie brutal er auch mit den Menschen in den  eroberten Gebieten umging, sein Seelenheil aufs Spiel setzten, indem er sich an Kircheneigentum vergriff (die Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel).

Neben den Fürbitten und Gaben für das Seelenheil bemühten sich wohlhabende geistliche wie weltliche Herren um eine eindrucksvolle Ruhestätte als Monumente der Erinnerung. Durch Erwähnungen bei Andachten und in Totenlisten waren die Verstorbenen denn Hinterbliebenen zwar gegenwärtig, um aber im Laufe der Zeit nicht in Vergessenheit zu geraten, schufen sich viele Bleibendes etwa in Form von Klosteranlagen, Sakralbauten in denen sie bestattet werden sollten, imposanten Gruften und/oder Totems. Auf weltlicher Seite gipfelte das ehrgeizige Verewigungsstreben im Bau von Schlössern und Burganlagen und in der Anhäufung von Ländereien und (Kron-)Juwelen.

Diese Formen der Vorbereitung auf den Tod und der Wunsch nach dem Nicht-Vergessen-Werden wandelten sich im Laufe der Zeit, sind aber auch heute noch existent. Doch viele setzen sich mit dem Thema nicht auseinander und überlassen ihren Nachkommen die alleinige Arbeit und Sorge um Grablage, Bestattung und Grabpflege.

Doch gerade in letzter Zeit bemühen sich verschiedene Personengruppen, Vereine und - nicht zu vergessen - aus rein wirtschaftlichen Interessen die Bestattungsunternehmen, dem Tode wieder ein würdiges Antlitz zu verleihen und die vergessene ‚Sterbekultur‘ wiederzubeleben. Dahinter steht die Idee, dem Tod durch eine intensivere Auseinandersetzung mit ihm, einiges von seinem Schrecken zu nehmen. Gerade in einer Zeit vermehrter Kirchenaustritte, kann der christliche Glaube immer weniger Betroffene oder Hinterbliebene emotional auffangen, wenn sie mit dem Tod konfrontiert werden.
Welchen Weg bahnen sich die Trauer und der Umgang mit dem Sterben heute und wie sah es in der Vergangenheit aus? Welcher Glaube führte zu welchen Ritualen und welche Hoffnungen wurden damit verbunden?

Text: F. Brilatus
 

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