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Online-Magazin - Magazine - Ausgabe 5 - 2000

 Die Kelten II

Der Alltag der Kelten

Im ersten Teil unserer Kelten-Serie sind wir auf die Wanderzüge der verschiedenen Keltenstämme eingegangen, die zur Besiedlung weiter Flächen Europas führten. Leicht konnte dabei der Eindruck entstehen, die keltenstämmigen Menschen hätten den größten Teil ihrer Lebensspanne mit Wanderung und Nomadentum zugebracht. Für manche Gruppen und manche Epoche mag das durchaus zutreffend sein, aber die Kelten waren auch seßhaft, bauten Siedlungen, betrieben Land- und Viehwirtschaft und vor allem Handwerk und Handel.

Doch um geeignete Siedlungsgebiete für die Landwirtschaft oder eine praktikable Infrastruktur zur Errichtung von Handelswegen aufzuspüren, mußten die keltischen Stämme zunächst mühsame Züge durch das ursprüngliche, waldreiche Europa auf sich nehmen.

Doch wie bewegt sich ein Troß von etlichen Menschen mit sämtlichem Hausrat, Haustieren und Gerät durch unwegsamen, dichten Urwald, wie er zur Zeit der Kelten hierzulande noch üblich war? Martha Sills-Fuchs schreibt in ihrem Buch von den s.g. Urstraßen, auf denen sich die wandernden Gruppen fortbewegt haben.

Diese Urstraßen gehen auf natürliche Phänomene zurück: sie folgen z.B. Fluß- und Bachläufen an denen die Vegetation zurückgedrängt wurde oder sie verliefen oberhalb von Zonen mit erhöhter Erdstrahlung, die dafür verantwortlich waren, daß die Vegetation weniger üppig wuchs.
Erdstrahlen findet man über unterirdischen Wasserläufen, Erzadern oder Hohlräumen. Die Kelten, so Sills-Fuchs, könnten sie mit Hilfe von Wünschelruten aufgespürt haben. Neuzeitliche Untersuchungen deuten zwar darauf hin, daß die Funktion von Wünschelruten eher in den Bereich der Esoterik zu verorten ist, einen letztendlichen Beweis bleibt die Wissenschaft allerdings noch schuldig. Geht man aber davon aus, daß die Menschen vor etlichen hundert Jahren noch sehr viel sensibler für die Phänomene der Natur sein mußten, kann man die Wünschelrutentheorie zumindest als Möglichkeit zunächst annehmen.
Tatsache ist, daß man bei der Beschäftigung mit dem Alltagsleben und der Mythologie der Kelten immer wieder auf deren Auseinandersetzung mit Erdstrahlen stößt. Negative oder positive Auswirkungen der Strahlungsphänomene galten den Kelten als Geister oder Teufel und sie entdeckten Gegenmaßnahmen zur Abwehr solcher Strahlenwirkungen. So nutzten sie zwar die natürlichen Straßen durch die Waldgebiete für ihre Wanderungen, sie merkten aber auch, daß die Benutzung solcher Wege an den Kräften von Menschen und Tieren besonders zehrten. Sie fanden durch Beobachtung bestimmte Kräuter (z.B. Beifuß und Beinwell), die, unter die Fußsohlen gelegt, die Erdstrahlen absorbieren und den schädlichen Einfluß mildern konnten.
Eine der keltischen Siedlungsformen war das Einzelgehöft, das z.T. in großer Abgeschiedenheit lag und einer ganzen Großfamilie oder Sippe Raum bot. Die Menschen auf diesen Höfen mußten sich mit allen Dingen des täglichen Bedarfs selbst versorgen. Waldflächen wurden gerodet, um die Anbaufläche für Getreide und Gemüse mit einem von Ochsen gezogenen Pflug bearbeiten zu können. Besonders beeindruckend sind die Methoden, die zur Konservierung von Lebensmitteln entwickelt wurden. Salz spielte zum Haltbarmachen von Fleisch eine große Rolle und der Salzhandel war ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Vor allem in Großbritannien stießen die Eisenzeit-Archäologen in Verbindung mit Siedlungen immer wieder auf tiefe Gruben, die heute zum Teil als Erdsilos gedeutet werden. Experimente der s.g. Experimentalarchäologie haben bewiesen, daß man selbst Getreide in feuchten Erdlöchern lagern kann: füllt man ein Erdsilo mit Getreide und verschließt das Loch luftdicht, keimt nur die Getreideschicht, die mit dem Erdreich in Kontakt kommt. Dabei wird der vorhandene Sauerstoff verbraucht und Kohlendioxid freigesetzt. Das Kohlendioxid bringt die Lebensvorgänge des übrigen Getreides zum Stillstand, so daß es monatelang überdauern kann. Um den Bedarf an Fleisch, Wolle und Milchprodukten zu decken, wurden Schafe, Rinder und Schweine gehalten. Die Nutztiere der Eisenzeit waren fast alle von kleinerem Wuchs als die heutigen Arten und sie glichen noch sehr ihren wilden Vorfahren. Gezähmte Wildkatzen und Hunde, vom Schoß- bis zum Jagdhund, waren überall anzutreffen. Hunde wurden auch als Opfertiere verwendet und ihre Häute dienten den Kelten als Sitzkissen. Eine beliebte Freizeitbeschäftigung war die Jagd. Sie scheint allerdings weniger dem Fleischerwerb gedient zu haben als der Hege und dem Sport. Füchse, Dachse, Wölfe und Hasen wurden ihrer Felle wegen gejagt.
Nun gab es bei den Kelten nicht nur Bauern, sondern auch Handwerker, Künstler, die Kaste der Adeligen und der Kämpfer und die der religiösen Führer. Für eine solche gesellschaftliche Gliederung ist es notwendig, daß die keltischen Bauern und Viehzüchter mehr an Nahrung produzierten als für den Eigenbedarf gebraucht wurde.
Die Anbaumethoden waren in der Tat so effizient, daß durch den Überschuß Tausch und Handel und eine arbeitsteilige Gesellschaft möglich wurden.
Je nach geographischen und klimatischen Bedingungen fand eine Spezialisierung der Erwerbstätigkeit statt: die westlichen Keltengebiete zeichneten sich durch große Fruchtbarkeit aus, die Treverer waren für ihre Pferdezucht auch bei den Römern geschätzt. In Gebieten mit vielen Eichen und damit Eicheln gedieh die Schweinezucht und der Handel mit Schweinefleisch nach Italien. In Irland wurde Weidewirtschaft betrieben und in waldreichen Gebieten wurde mit Holz für den Haus-, Wagen- und Schiffbau gehandelt.

Doch bei aller Euphorie über die erstaunlich fortschrittliche und effiziente Landwirtschaft der Eisenzeit muß erwähnt werden, daß sie nicht allein das Verdienst der Kelten war. An manchen Orten stellten die Kelten nur die herrschende Oberschicht. Zum Beispiel in Gallien war diese Oberschicht nur Nutznießer der Arbeit ihrer Untergebenen und diese Untergebenen waren Sklaven aus der ursprünglichen, eroberten Bevölkerung. Cicero sagt über die Gallier: “ Den Getreidebau erachten sie als unwürdig, sie wollen lieber, die Waffen in der Hand, das Korn der anderen Völker schneiden”. Und ein französischer Forscher gibt zu bedenken, daß die Kelten zweifellos größere Eigenschaften der Assimilation als der Erfindungsgabe hatten. Die Fortschritte auf dem Gebiet der Landwirtschaft sind also nur durch den Austausch mit anderen Volksgruppen, z.B. auch den Römern, zu erklären.
Ein wichtiges Standbein der keltischen Wirtschaft war die Metallverarbeitung. Eine besondere Bedeutung hatte das Eisen, das der Zeit, das dem Jahrtausend vor Christus und noch kurz danach, seinen Namen gab. Die Eisengewinnung- und verarbeitung kann als eine Art Großindustrie betrachtet werden, die vielen Menschen Arbeit gab. Große Erzbergwerke gab es z.B. in Aquitanien, im Périgord, in Böhmen und in Mähren. Um die Bergwerke bildeten sich Siedlungen und Adelssitze. Die kletischen Schmiede waren wegen ihrer ausgefeilten Technik, ihrer Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit auch bei den Römern ausgesprochen gesucht. Es heißt bei Plinius, daß der Schmied Helicon Rom noch vor dem großen Keltenraubzug besucht hat. Plinius berichtet weiter, Helicon habe von Rom eine getrocknete Feige, Wein, Öl und eine Traube mit nach Hause gebracht und damit die gallischen Züge nach Italien ausgelöst. Waffen aus Eisen stellten einen unschätzbaren Wert für das keltische Kriegswesen dar. Ihre militärischen Erfolge verdankten sie zu einem großen Teil ihren eisernen Waffen, die widerstandsfähiger waren als diejenigen etwa aus Bronze. Kein Wunder also, daß die Schmiede in den inselkeltischen Sagen den Göttern gleichgestellt wurden.
In der Gegend um Trier wurde Azurit abgebaut. Dieses Mineral wurde wegen seiner blauen Farbe als Rohstoff für Schminke oder zum Tünchen von Wasserbecken gerne von den Römern verwendet.
Es gab kaum ein Handwerk, bei dem es die Kelten nicht zur Meisterschaft brachten: die Schuster waren in Rom berühmt und nicht nur Wolle, sondern auch fertige Gewebe und Kleidung aus Leinen oder Schurwolle wurden exportiert. Die s.g. Caracalla, knöchellange Kapuzenmäntel, wurden von Kaiser Marcus Aurelius Severus Antoninus in Rom eingeführt. Dieser erhielt dadurch den Beinamen Caracalla (Caracallus-Thermen in Rom).
Besondere Erwähnung verdienen die Goldschmiede. Ihre feinen Arbeiten versetzen auch heute noch manchen in Verzückung. In den keltisch besiedelten Gebieten gab es viel Gold. Z.B. in den Pyrenäen und Cevennen, in der Schweiz und am Rhein. Es gab Goldbergwerke aber vielerorts hatte man das Glück, daß Bäche und Flüsse das Gold aus dem Erdreich spülten und man es nur noch sammeln mußte. Aus dem Gold wurde neben Schmuck und Kultgegenständen auch Münzen hergestellt. So fand man am Ufer der Donau eine große Anzahl der s.g. “Regenbogenschüsselchen” (Goldmünzen mit aufgebogenen Rändern). Überhaupt beschränkte sich die keltische Wirtschaft nicht auf Tauschgeschäfte. Das Münzwesen war bekannt und verbreitet bevor römische Münzen in Umlauf kamen. Die keltischen Münzen waren zumeist mit den typischen Knotenmustern geschmückt.
Auch Krankheiten und Verwundungen beschäftigten die Menschen. Auf dem Gebiet der Heilkunst hatten es die Kelten zu einem hohen Wissensstand gebracht. In und mit der Natur lebend, waren ihnen eine große Zahl von Heilkräutern bekannt. An Heilwasserquellen vermischten sich Erfahrungen mit religiösen Vorstellungen. Es gibt zum Beispiel in der Nähe von Kaiserslautern eine Quelle, an der sich ein altes gallokeltisches Heiligtum befindet. Dorthin kamen die Menschen, um den Göttern zu opfern und von dem Wasser, das insbesondere bei Augenleiden Linderung bewirkte, mit nach Hause zu nehmen. Am Fuße dieser Quelle fand man Reste einer Töpferei, in der eigens Gefäße für das Abfüllen des Wassers hergestellt wurden. Noch in diesem Jahrhundert wurde das Quellwasser zur Behandlung von Bindehautentzündung genutzt. Man hat bei Wasseranalysen festgestellt, daß das Wasser des Quellheiligtums Bor enthält.
Auch chirurgische Eingriffe wurden von den Kelten durchgeführt – entsprechende Instrumente hat man als Grabbeigaben gefunden. Besonders unangenehm ist die Vorstellung von Schädelöffnungen, die zur Behandlung von Kopfverletzungen und vielleicht auch bei psychischen Störungen vorgenommen wurden. Man hat Schädelbohrer gefunden und Schädel mit den entsprechenden Spuren solcher Eingriffe. Nachgewachsenes Knochenmaterial an manchen Fundstücken beweist, daß solche Operationen sogar überlebt wurden. Wer für die Heilkunst zuständig war, konnte bislang nicht eindeutig geklärt werden. Es mögen Priester oder “Weise Frauen” gewesen sein.
Auch beim Thema Gesundheit stößt man wieder auf die Kraft von Erdstrahlen, die den menschlichen Organismus empfindlich stören können. Um diesem Einfluß entgegen zu wirken, haben die Kelten einige wirksame Mittel eingesetzt. So soll etwa die Mistel strahlungsabsorbierend wirken ebenso wie Stroh, das von den Kelten als Matratze benutzt wurde. Um die abschirmende Wirkung des Strohs gegen Strahlen von unten zu verstärken, wurden dem Stroh getrocknete Kräuter beigemischt. Zum Beispiel Mannstreu, das seinen Namen nicht von der Treue ableitet sondern von Mann und Streu und ein Pflänzchen mit dem schönen Namen Liebfrauenbettstreu. Auch Rauch wurde wegen seiner keimtötenden Eigenschaften zu heilerischen Zwecken verwendet. Auch heute noch ist es in manchen Regionen der Alpenländer Brauch, in der Vorweihnachtszeit, während der Rauhnächte, Haus und Viehställe durch das Ausräuchern mit bestimmten Kräutern vor schädlichen Einflüssen zu schützen. Doch dazu mehr an anderer Stelle.

In welchen gesellschaftlichen Verhältnissen
lebten die Kelten?

Das Grundgerüst einer keltischen Gemeinschaft bildete die Familie. In dieser Familie konnten bis zu vier Generationen zusammenleben. Zum Verband einer Großfamilie zählten auch das Hauspersonal und bei Adelsfamilien die Vasallen. Bei den Großfamilien lag das vordergründige Augenmerk nicht bei der Verteidigung des Territoriums – die Wohnstätte konnte man auch auf einem anderen Gebiet wieder errichten – sondern galt dem Wohle und dem Fortbestehen der Lebensgemeinschaft. Erst als die Familien seßhaft wurden und sich auf den Ackerbau und die Viehzucht konzentrierten, erlangte das Land an Bedeutung.

Hatte sich eine Familie mit ihrem Gefolge und den Sklaven angesiedelt, kam sie zwangsläufig mit Nachbarsfamilien in Kontakt. Sie betrieben nicht nur Handel untereinander, sondern schlossen sich zusammen und bildeten eine Sippe. An die Spitze der Sippe wurde meist ein König oder Häuptling gewählt.

Die Bedeutung einer Sippe war von der Größe des Landes und vom Viehbestand abhängig, wobei das Land stets Eigentum der Sippe war und nicht Eigentum einer einzelnen Person.

Sie wuchsen zu Gemeinschaften mit gleicher Lebensart, gleichen Anschauungen und Sitten zusammen, verehrten die gleichen Götter und entwickelten eine gemeinsame Sprache zur Verständigung.

Bei den Inselkelten fügten sich mehrere Sippen und Großfamilien zu Stämmen (tuath) zusammen. Solche Zusammenschlüsse gewährleisteten mehr Sicherheit und bessere ökonomische Lebensbedingungen. Natürlich bildeten sich auch auf dem Festland Stämme aus; sie übertrafen die tuath an Größe und territorialer Ausdehnung.

Eine keltische Sippe hatte eine feste Struktur. An oberster Stelle stand der König. Seine Aufgabe bestand in erster Linie darin, die politischen und militärischen Angelegenheiten mit den benachbarten Sippen zu lösen. Von einem König erwartete man absolute Unversehrtheit. Wurde er bei einer Schlacht so schwer verletzt, daß eine völlige Genesung ausgeschlossen war, dann mußte er zurücktreten.
Die Königsherrschaft wurde nicht weitervererbt, sondern konnte durch Wahl erworben werden. Voraussetzung war jedoch, daß man einer königlichen Familie entstammte.
Die Sippe wurde weiterhin unterteilt in die Stände der Krieger, der Handwerker, der Händler, der Bauern und der Druiden und Barden.
Die Druiden und Barden standen aufgrund ihres Wissens und ihrer religiösen Bedeutung im Gegensatz zu den anderen Ständen außerhalb einer Hierarchie. Sie galten als Gesetzgeber und geistige Führer der Sippe und standen dem König als Berater zur Seite. Aus römischen Quellen erfährt man von der Redegewandtheit und Dichterkunst der Barden: Diodorus Siculus schreibt dazu: “Es gibt unter ihnen Liederdichter, die man Barden heißt. Diese begleiten ihren Gesang, worin sie Einige lobpreisen, Andere schmähen, mit einem der Leier ähnlichen Werkzeug.”
Da die keltischen Gemeinschaften weitestgehend keine Schrift besaßen, ist dies nicht verwunderlich. Man ist überzeugt davon, daß umfangreiche Erzählungen und Gesangstrophen existierten, die mündlich weitergegeben wurden, genauso wie die Druiden ihr Wissen nur mündlich an ihre Schüler weitergaben.

Die Rangfolge der Krieger, Handwerker und Händler wurde durch ihr Vermögen, ihre Kunstfertigkeit und durch ihre Taten bestimmt.
Die Handwerker fertigten nicht nur die Werkzeuge und Ausrüstungsgegenstände, die man im Alltag benötigte, sondern auch die verschiedensten Schmuckstücke, die angelegt wurden, um den Rang und den Reichtum hervorzuheben.
Durch die Krieger konnte der König mit militärischer Unterstützung rechnen, im Gegenzug gewährte er Ihnen Besiedlungsrecht. Diese Vereinbarungen gewannen an Bedeutung, als die Bevölkerung expandierte und man neue Siedlungsgebiete benötigte.
Die Alternative zur kriegerischen Landnahme war eine arrangierte Heirat zwischen den Fürstenfamilien verschiedener Sippen. Dadurch konnten weit größere Gebiete in den Besitz einer Sippe kommen (als Mitgift), als durch einen Krieg.
Auch die Weggabe der Söhne an Pflegeeltern, die die Erziehung und Ausbildung des Kindes übernahmen, sollte die Sippen enger aneinander binden.

Die Sippen führten untereinander Handel durch, bezogen Waren von denselben Lieferanten und richteten ihre Interessen und ihre Politik aufeinander aus. Sie verzierten auch beispielsweise ihre Waffen und verschiedene Schmuckstücke aus heraldischen Gründen mit den gleichen Ornamenten. Dies belegen Grabfunde in weit voneinander entfernten Gegenden.
Dennoch gelang der Zusammenschluß der Sippen zu Verbündeten oder gar zu Stämmen nicht im gesamten keltischen Siedlungsgebiet. Innerhalb dieser Bündnisse gab es häufig Spannungen, da die hauptsächliche Konzentration auf der eigenen Sippe und bei deren Belangen lag. Es gelang den Kelten nicht, dauerhafte Bündnisse und damit ein großes Reich, indem alle Sippen und Stämme integriert waren, aufzubauen. Dies war sicherlich auch ein Grund, der letztendlich zum Niedergang der keltischen Kultur beigetragen hat.

Welche Stellung hatten die Frauen und Männer?

In den klassischen Quellen finden sich nur wenige Hinweise, die die Stellung der keltischen Frauen beschreibt. Dies muß allerdings im historischen Kontext gesehen werden: Die überlieferten Schriftstücke stammen aus patriarchalischen Gesellschaften, in denen die Frau an den Rand der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit gedrängt wurde. Einerseits wurden die keltischen Frauen von den Griechen und Römern wegen ihrer Schönheit, Fruchtbarkeit und ihres Mutes gepriesen, andererseits wegen ihrer beträchtlichen Handlungsfreiheit und Selbständigkeit verurteilt.
Eine keltische Frau genoß alle Rechte, die ihrer sozialen Herkunft und ihrem Vermögen entsprachen sowie die Freiheiten wie ein gleichgestellter Mann.

In den keltischen Gesellschaften übten Männer und Frauen gesellschaftliche Funktionen gleichberechtigt aus. Sie konnten Familienoberhaut, Sippenoberhaupt, Seher oder Seherin, Erzieher oder Erzieherin, Priester oder Priesterin werden.
In vielen Bereichen teilte man die Tätigkeiten, dem Geschlecht entsprechend, auf. Schwere körperliche Betätigungen wie die Metallverarbeitung, das Kriegshandwerk und damit die Verteidigung der Familie bzw. der Sippe gegenüber Eindringlingen, waren überwiegend in der Hand von Männern. Auch wenn antike Historiker vielfach verwundert von der Stärke und Kampfbereitschaft der Frauen schrieben und es überliefert ist, daß auch die Frauen mit in die Schlacht zogen.
Handwerkliche Tätigkeiten, wie Töpfern, Korbflechten und die Lederbearbeitung, sind dagegen eher dem Aufgabenbereich der Frauen zuzuordnen, ebenso die Nahrungsmittelerzeugung und die Hausaufsicht.

Grundsätzlich muß man hinsichtlich der Stellung der Frauen zwischen Insel- und Festlandkelten unterscheiden.
Bei den Inselkelten zeigten sich noch deutliche Spuren einer mutterrechtlichen Gesellschaftsform, die die Kelten bei der Besiedlung der britischen Inseln von den Ureinwohnern übernommen haben dürften. Die bedeutende Rolle der Frauen bei den Inselkelten zeigt sich z.B. bei der Benennung der unehelichen Kinder nach der Mutter, bei der Thron- und Erbfolge in weiblicher Linie und bei den grundherrlichen Rechten der Frauen. Außerdem gehörten die Kinder zum Clan der Mutter, in dem sie häufig durch blutsverwandte Pflegeeltern erzogen wurden, während die Mutter selbst im Clan ihres Mannes lebte.
Die Familien der Festlandkelten waren rein vaterrechtlich bestimmt. Hier hatte der Mann als Familienoberhaupt das Recht über Leben und Tod seiner Frau und seiner Kinder. Vor der Zeit der römischen Eroberung Galliens war auch die Witwenverbrennung keine Seltenheit.
In den keltisch besiedelten Gebieten kannte man verschiedene Formen der Ehe, die vielfach von den ökonomischen Verhältnissen abhingen. Die Regel scheint die Einehe gewesen zu sein. Doch gibt es bei Cäsar auch Berichte über Großbritannien, wo sich mehrere Brüder oder Väter eine Frau teilten. Ein Grund dafür könnte nach Hubert sein, daß die Familien nicht reich genug waren, mehrere Frauen zu unterhalten und die Tatsache, daß es nur wenig Landwirtschaft gab und man daher der Frauenarbeit weniger bedurfte.
Andere Quellen berichten von Stammesfürsten, die mit mehreren Frauen verheiratet waren, um Machtansprüche zu sichern und Territorium zu gewinnen.

Empörung lösten die Kelten hinsichtlich ihrer sexuellen Aufgeschlossenheit und ihrer geschlossenen Ehen vor allem bei den Römern aus:
Bei einer Eheschließung beispielsweise wurde zwar der Nutzen, den die Sippe dabei hatte, nie außer Acht gelassen, dennoch konnte eine Frau nicht gegen ihren Willen verheiratet werden, sondern besaß das Recht, ihren Mann selber auszuwählen. Hatten sich beide Partner geeinigt, waren sie verpflichtet zu gleichen Teilen Vermögen in die Beziehung einzubringen. Der daraus entstandene Zugewinn wurde miteinander geteilt.
Die keltischen Ehen konnten wieder gelöst werden. Bei einer Trennung im gegenseitigen Einvernehmen erhielt jeder Partner sein eingebrachten Vermögen und die Hälfte des Zugewinns zurück.
Verstarb ein Ehepartner wurde das eingebrachte Vermögen an die Sippe des Verstorbenen zurückgegeben, den Zugewinn erhielt der Hinterbliebene. Durch die Rückgabe des Vermögens wurde der Hinterbliebene von allen Verpflichtungen gegenüber der Sippe des Verstorbenen befreit und konnte wieder heiraten.
Darüber hinaus war es beiden Partnern gestattet, sich Geliebte zu nehmen, allerdings nur für die Dauer von einem Jahr.
Zweifellos waren die keltischen Frauen hinsichtlich der geschlechtlichen Beziehungen um einiges offener und unabhängiger als die Griechinnen und Römerinnen. Das dies für jene Frauen, die aus der Macht ihres Vaters in die Macht ihres Ehemannes wechselten, moralisch und gesellschaftlich “primitiv” erschien, belegen zahlreiche Quellen. Doch die keltischen Frauen, die vollen Anteil am Stolz und der Beredsamkeit, die dem Volk nachgesagt werden, hatten, trotzten ihnen. So soll die kaledonische Fürstin Argentocoxus zur römischen Kaiserin Julia Augusta gesagt haben: “Wir erfüllen die Notwendigkeit der Natur viel besser als ihr römischen Frauen; denn wir verkehren ganz offen mit den Besten, während ihr euch heimlich von den Minderwertigsten mißbrauchen laßt.”
Hier treten Relikte alter matriachalischer Gesellschaftsformen hervor, die klar die Einstellungen der Kelten der Natur gegenüber wiedergeben, die einen wesentlichen Teil der keltischen Religion darstellte.

Text: Annett und Christine
 

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