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Online-Magazin - Lyrisches

 Kurzgeschichte - Der perfekte Abend

Endlich war es soweit, Herr Moll hatte sich schon die ganze Woche auf diesen Abend gefreut. Gemütlich im großen Ohrensessel vor dem Kamin zu sitzen, ein köstliches Stück Sahnetorte zu genießen und bei der Musik von Eros Ramazotti zu entspannen, während es draußen bitterkalt war - das verstand Herr Moll unter einem „perfekten Abend“.

Als er aus dem Fenster in seinen Garten schaute, blieb sein Blick an der einzeln stehenden, etwas karg aussehenden Tanne hängen. Die hereingebrochene Dämmerung zusammen mit den lautlos vom Himmel fallenden Schneeflocken verlieh der Szene etwas Mystisches. Und plötzlich war es wieder da, dieses seltsam kalte Gefühl, von dem Herr Moll sich nicht erklären konnte, was es war und woher es kam. Dieses Gefühl, es ließ sich kein Name dafür finden, schlich sich besonders in der dunklen Jahreszeit hin und wieder ein und erfüllte Herrn Moll innerlich mit einer gewissen Schwere.

Herr Moll begann zu frösteln und ein Geschmack wie von roher Hühnerleber, eine Erinnerung aus frühester Kindheit, breitete sich in seinem Mund aus. Um sich abzulenken, beschloss Herr Moll mal wieder ein gutes Buch zu lesen. Unschlüssig stand er vor seinen deckenhohen Bücherregalen, in denen dutzende von Büchern aufgereiht nebeneinander standen. Schließlich hielt er „Käp'ten Nemo“ in der Hand. „Zwar nicht das anspruchsvollste Werk, aber vielleicht nicht schlecht, um auf andere Gedanken zu kommen", dachte Herr Moll. Er begann zu lesen, doch obwohl seine Augen die Zeilen wahrnahmen, war er mit seinen Gedanken woanders.

Schließlich legte er das Buch zur Seite und beschloss, sich mit sinnvoller Arbeit abzulenken. Sein Chef hatte den Etat für ein großes Projekt, welches Herr Moll leitete, gekürzt. Nun galt es neue Finanzpläne aufzustellen. Doch schon nach kurzer Zeit musste er einsehen, dass er sich an diesem Abend einfach nicht konzentrieren konnte, zumal dieses bedrückende Gefühl zunehmend stärker wurde, egal was er dagegen unternahm. Herr Moll fing bereits an, sich Gedanken über seinen gesundheitlichen Zustand zu machen, aber eine physische Krankheit war eigentlich ausgeschlossen. Erst einige Tage zuvor, hatte er sämtliche Organe untersuchen lassen, eine umfangreiche Untersuchung, der er sich jährlich unterzog.

„Jetzt reicht`s“, dachte er, zog sich seinen Mantel an und verließ das Haus, um einen Abendspaziergang zu unternehmen. Draußen war es dunkel und still. Er war allein auf der Straße, kein Wunder, es war ja schon recht spät, und nur das Geräusch des knirschenden Schnees unter seinen Schuhen begleitete ihn bei jedem Schritt. Er bog rechts in eine kleine Seitestraße ein und schon nach wenigen Metern entdeckte er den ersten Obdachlosen am Straßenrand sitzen. Die Armut in der Stadt nahm stetig zu, in den Zeitungen berichteten sie wöchentlich davon. Doch das war das erste Mal, dass Herr Moll es tatsächlich wahrnahm. Im Vorbeigehen fielen ihm zum ersten Mal die armen Menschen auf, die weder ein zu Hause, noch Geld oder genug zu Essen hatten, dabei war diese Straße Teil seines täglichen Weges zur Arbeit. Nach einiger Zeit kam er an einem schmutzigen Hinterhof vorbei und blieb dort stehen. Eine Gruppe von Obdachlosen hatte sich um zwei brennende Mülltonnen versammelt und wärmte sich dort. Trotz der Kälte und Armut hörte er sie gemeinsam lachen und reden. Er näherte sich ein paar Schritte, hielt sich aber hinter der Hausmauer verborgen und beobachtete die Szene. Ein älterer Mann mit struppigem Bart erzählte gerade eine Geschichte und entlockte den anderen damit immer wieder das ein oder andere Lächeln. Plötzlich begannen alle laut zu lachen, es muss wohl eine lustige Geschichte gewesen sein.

Auf einmal erschien Herrn Moll die Szene gar nicht mehr ganz so trostlos, die Menschen schienen trotz allem nicht unglücklich zu sein. Er drehte sich um und machte sich auf den Heimweg. So langsam dämmerte ihm, was dieses unangenehme Gefühl, welches ihn regelmäßig heimsuchte, zu bedeuten hatte. In jenen Momenten erschien ihm sein Inneres karg und trostlos wie die Tundra. Als er aufschaute, hatte er den Eingang zu seinem Haus bereits erreicht. Das große Haus, mit der grauen Fassade und den dunklen Fenstern, hinter denen kein Licht brannte, erinnerte ihn an etwas Totes und Kaltes, das ihn mit leeren Augenhöhlen anstarrte. Schlagartig wurde ihm alles klar, der Nebel in seinem Kopf war verschwunden. Das Gefühl, das ihn schon so lange belastete, war ganz leicht zu erklären.
Es war schlicht und einfach Einsamkeit.

Miriam Hamerla

 

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