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Online-Magazin - Magazine - Ausgabe 5 - 2000

 Zeitreisen V - Rokoko (etwa 1730 - 1770)

Bis heute sind sich die Kunsthistoriker nicht einig, ob sie das Rokoko als einen Spätstil des Barock oder als eigenständige Epoche der europäischen Kunst im 18. Jahrhundert einordnen sollen. Da das Rokoko sichtbare Unterscheidungsmerkmale zum Barock aufweist, habe ich mich entschieden, diesen Stil in einem eigenen Artikel vorzustellen.

Das Rokoko kann gewissermaßen als eine Gegenreaktion auf den Barock verstanden werden. Die Nachfolger von Ludwig XIV waren es leid, ständig repräsentieren zu müssen. So steht das Barock für jene Zeit, in der der absolutistische Herrschaftsanspruch alle Bereiche des Lebens durchdrungen hatte und dessen Kennzeichen vor allem Würde, Präsentation und Monumentalität waren.
Doch im Gegensatz dazu sehnte man sich nun nach Intimität, Sinnlichkeit, Leichtigkeit und Ausgelassenheit, Bequemlichkeit und Eleganz. Es entwickelte sich eine Vorliebe für Phantastisches und Exotisches. Durch den ausgeprägten Wunsch nach Intimität kam es schließlich zur Trennung des privaten und öffentlichen Bereiches.

Das Rokoko entwickelte sich aus dem Barock. Die Grundformen und Gestaltungselemente der barocken Architektur wurden übernommen, jedoch in verkleinerter und verfeinerter Form. Aus Wucht und Dramatik wurden Leichtigkeit und Spiel.

Die Stilbezeichnung Rokoko leitet sich vom franz. Wort “rocaille” ab, was übersetzt Grotten- und Muschelwerk bedeutet. Dies weist darauf hin, daß der Stil vorrangig auf dem Gebiet der Ornamentik und Dekoration zum Ausdruck kommt, daß somit die Fassaden- und Innengestaltung das Hauptanliegen dieses Zeitabschnittes waren.

Wurde im Barock die Vollkommenheit eines Bauwerkes danach beurteilt, daß alle Einzelteile einer festgelegten einheitlichen, architektonischen Ordnung entsprachen, mußten sich im Rokoko die einzelnen Details mit der Gesamtanlage zu einer spielerischen Harmonie zusammenfügen. Eine Symmetrie in den Bauwerken wurde nicht mehr angestrebt, denn die ausgedehnten Barockwerke erschienen der neuen Generation zu gleichförmig und zu starr.

Die charakteristischsten sakralen Bauten des Rokoko sind in Süddeutschland und Österreich zu finden. Im Ursprungsland Frankreich entwickelte sich der Stil ausschließlich in den Stadtpalästen und Stadtwohnungen des französischen Hochadels. In Deutschland verbreitete sich der Stil in vielen Schlössern sowie Theatern und Galerien.

Die dem Zeitgeist entsprechende Realitätsflucht vieler Fürstenhöfe ließ einzigartige architektonische Traumwelten entstehen.
Eine der bedeutendsten Anlagen ist das Schloß und der Park von Sanssouci, die Friedrich der Große (1712-1786) in Auftrag gegeben hat. Der gesamte Komplex ist ein typisches Beispiel des deutschen Rokokos nach französischem Vorbild. “Ohne Sorgen”, so die Übersetzung von sans-souci aus dem Französischen, sollte das Leben auf der Sommerresidenz des Fürsten sein.

Der zentrale Bau ist das fast 100 Meter lange und 12 Meter hohe eingeschossige Schloß. Es wurde im Pavillonstil mit hohen Fenstertüren erbaut. Durch die hohen Fenster dringt viel Licht in den Innenraum, das sich in den zahlreichen Spiegeln im Inneren bricht und so in Verbindung mit der hellen Farbigkeit der Innendekoration eine große Lebhaftigkeit erzeugt wird. Der vorspringende Mittelteil des Schlosses ist halbrund angelegt und mit einer prächtigen Kuppel bekrönt.

Die Außenmauern zur Gartenseite wurden mit sogenannten Karyatiden und Hermen verziert. Karyatiden sind Balkenstützen in Form von weiblichen Figuren anstelle einer Säule oder eines Pfeilers. Als Hermen, oder auch Atlanten, bezeichnet man die männlichen Figuren.
Die Innengestaltung des Schlosses wirkt leicht und beschwingt. In den Räumen werden Weiß oder Pastelltöne als Hintergrundfarben genutzt. Zarte Elemente, als Stuck oder gemalt, an den Wänden und Decken lassen die Räume lebendig erscheinen.

Durch die großen Fenster des Schlosses fällt der Blick in den Park. Der Rokoko - Mensch berücksichtigte die natürliche Umgebung des Bauwerks und bezog sie in seine Landschaftsgestaltung ein. Die Natur blieb sich jedoch nicht selbst überlassen, sondern wurde in spielerischer Art und Weise umgestaltet. Der Park bestand einerseits aus regelmäßig angelegten Wegen und geschnittenen Bosketts, die von Treppen, Fontänen und Statuen aufgelockert wurden. Andererseits baute man Grotten, künstliche Ruinen, Lustgärten und schließlich Tempel, Theater und Galerien zum Zeitvertreib.
So wurden auch im Schloßpark Sanssouci beeindruckende Gebäude errichtet: Die sogenannten Neuen Kammern, die als Orangerie erbaut wurden. Orangerien sind Gewächshäuser zum Überwintern der im Sommer im Park aufstellten Pflanzen wie Orangen- und Zitronenbäume, Palmen usw..
Da ab dem 17. Jahrhundert verstärkt Waren aus China importiert wurden, waren chinesische Motive stark verbreitet. Man spricht sogar von der Chinamode. Diese Einflüsse spiegeln sich sowohl in den Erzeugnissen aus den Möbel- und Porzellanmanufakturen als auch in der Architektur wieder. Im Park von Sanssouci wurde ein Chinesisches Teehaus errichtet. Es hatte in allererster Linie eine schmückende Funktion und diente zusätzlich für kleine Festlichkeiten. Das Chinesische Teehaus hat einen sechseckigen Grundriß und einen kreisrunden kleinen Saal im Inneren. Der sechseckige Grundriß ermöglicht eine Öffnung des Hauses nach allen Seiten in Form von Vorhallen, die von vergoldeten Palmen getragen werden. Um die Palmen sitzen Figurengruppen, die Tee trinken.

Weitere bedeutende profane Bauten in Deutschland aus der Zeit des Rokoko sind das Schaezlerpalais in Augsburg, die Schlösser Augustusburg und Falkenlust in Brühl, Teile des Dresdner Zwingers und das Rezidenzschloß Würzburg.

Zahlreiche Kirchen in Bayern wurden dem Zeitgeschmack des Rokoko entsprechend, renoviert und umgestaltet. Zum Inbegriff des bayerischen Rokokos wurde die Wallfahrtskirche “Zum gegeißelten Heiland”, auch Wieskirche genannt, in der Nähe von Steingaden. Sie bietet mit ihrem romanischen Äußeren und der Rokokoausstattung im Inneren einen reizvollen Kontrast zweier Stilrichtungen.

Die Innenausstattung der Wieskirche ist, als ein typisches Merkmal des rationalistischen Zeitalters, bis in die letzten Einzelheiten durchdacht und bis in den letzten Winkel geformt. Das Ziel der Künstler und Theologen, die den Bau veranlaßt und gestaltet haben, war, Freude zu verbreiten und zu verkünden.

Die geometrische Gliederung des Innenraumes wird durch die überreiche Dekoration überspielt. Dadurch kommt der Eindruck einer märchenhaften Unwirklichkeit auf. Unzählige Putten, ebenso verschiedene Naturdetails und eine reiche Verwendung und Variation des Rocailleornamentes verschmelzen zu einem riesigen Gesamtkunstwerk. Die kleinsten Details spielen bei dieser Gesamtkonzeption eine wichtige Rolle und tragen zum Ausdrucksziel, der Verbreitung einer heiteren Festlichkeit, bei.

Weitere Juwelen der Rokoko-Kunst in Bayern sind die Klosterkirchen der Klöster Andechs und Ettal
In der Malerei nahmen in Deutschland Kirche und Adel als Auftraggeber eine zentrale Rolle ein. In den Schlössern und Kirchen erfuhren die Gemälde eine Auflockerung im Zeitgeschmack: man bevorzugte nun zarte Pastelltöne und umrahmte sie mit schwungvoll ineinander übergehenden Rocailleornamenten. Das Bürgertum war auch hier wesentlich bescheidener.

Die Liebe und die Darstellung von Gefühlen wurde generell ein Lieblingsmotiv der Künstler. Ebenso die Darstellung einer paradiesischen Natur und Veduten (malerische Ansichten von Städten und Landschaften).

Das Rokoko brachte eine verfeinerte Wohnkultur hervor. Die wuchtigen Möbel des Barock wurden durch gräziöse, leichte Stücke abgelöst. Kommoden - gerundet, gewölbt, furniert, mit immer vielfältigeren, verschlungeneren Bronzebeschlägen verziert und den sogenannten Geißfüßen ausgestattet - wurden zum beliebtesten Möbelstück jener Epoche. Die Oberflächen wurden reich verziert. Verbreitete Ornamente waren Muschelwerk, Blattranken, Blumen, Vögel, Landschaften und Medaillons. Die Ornamente malte man entweder auf die Kommoden auf oder intarsierte sie farbig. Auch die Kommode selbst wurde häufig in Weiß oder in Pastellfarben lackiert. Die Bequemlichkeit der Möbel stand im Rokoko im Vordergrund. So waren die Arm- und Rückenlehnen der Stühle und Sessel stark gepolstert. Die Lust nach Bequemlichkeit, Spielerei und Eleganz brachte veränderte Einrichtungsgegenstände hervor. Schreibschränke mit Schubladen und versenkbaren Fächern, Spieltische und Toilettentische wurden mit immer neueren Raffinessen ausgestattet. Die Menschen achteten immer mehr auf das Zusammenspiel von Möbeln und Räumen mit ihren Dekorationen und stimmten diese aufeinander ab.

Für die Fenster, die Wandbespannung und die Möbelbezüge wurde meist Seide verwendet. Bevorzugte Farben waren Gelb, Rose und die unterschiedlichsten Pastelltöne, die einen heiteren, ungetrübten Eindruck beim Betreten eines Raumes hinterlassen sollten. Dieser Eindruck wurde durch den oft üppigen Stuck, die zahlreichen Spiegel und die großen Fenster verstärkt. Die angestrebte Eleganz brachte die Verbreitung neuer Luxusgüter mit sich. Umfangreiche Glas- und Porzellansammlungen zeugen noch heute von dieser Tendenz.
Die Luxusgüter stellte man überwiegend in den Manufakturen der Fürstenhöfe her. Kunstschreiner verwendeten zur Möbelherstellung Hölzer wie Eiche, Walnuß oder Mahagoni. Für das Furnier und Intarsienarbeiten wurden exotische Hölzer verwendet.

Das charakteristische Merkmal in der Frauenkleidung ist der Reifrock, der erst durch eine eigenartige Art des Gehens, die mühselig erlernt werden mußte, auf und nieder zu schwingen begann. Hierbei war es beabsichtigt, daß der Schuh und der reich verzierte Unterrock zum Vorschein kamen. Zur Herstellung des Reifrockes verwendete man Fischbein, dazu wurde in Holland eigens eine Aktiengesellschaft gegründet, die sich dem Walfang widmete.
Das Rokoko umfaßt das letzte Kapitel in der höfischen Mode und das erste Kapitel der bürgerlichen Mode.
Die höfische Mode wurde zur Ausdrucksform der gekünstelten Verfeinerung der Lebensformen, denn bei den Kleidern kam es auf die raffinierte Zusammenstellung von Farben, Details sowie der Grazie, mit der die Kleidung getragen wurden, an.

Das Bürgertum erwarb die Gebrauchs- und Einrichtungsgegenstände von den städtischen Handwerksbetrieben. Die Handwerker übertrugen nach Vorlagen den höfischen Stil in schlichtere Formen und brachten eigene Entwürfe ein.

Auch in dieser Epoche wurde das Mieder nur an der Taille zusammengehalten, so daß das darunter getragene erlesene Korsett hervortrat Der Oberrock, der vorn gewöhnlich offen war, wurde meist aus dem gleichen Stoff wie das Mieder hergestellt, um ein einheitliches Kleidungsstück zu bilden.
Ein Mantel wurde aufgrund des Reifrockes nicht getragen, diese Aufgabe erfüllten Umhänge und Schals.

Bei den Farben wurden wiederum zarte Pastelltöne bevorzugt.
Zum unverzichtbaren Beiwerk gehörten die Kunstblumen an den Gewändern und die frischen Blumen in den Haaren, auch erfreute sich der Fächer noch immer großer Beliebtheit.

Der Schuh hatte eine zierliche Spitze und einen hohen, geschwungenen Absatz.
Beim Schminken mußte das Rouge so übertrieben aufgetragen werden, daß es sofort als Make-up erkennbar war. Ansonsten sollte die Haut so dünn und durchsichtig wie möglich erscheinen. Um dies zu erreichen wurden die Adern blau nachgezogen.

In der Männerkleidung erhielt das Hemd eine vorrangige Bedeutung, es sollte so viel wie möglich davon sichtbar sein. Aus diesem Grunde wurde die Weste auch nur in der Taille geschlossen. Das Hemd wurde auf der Brust mit einem Spitzenjabot verziert. Auch an den Ärmeln befanden sich breite Spitzenmanchetten. Um den Hals legte man eine von hinten geschlossene Binde, darüber ein Band, welches zu einer Schleife gebunden wurde.

Der Mantel, als Justaucorps bezeichnet, erhielt einen schwingenden Umriß.
Die Kniehose wurde über die Strümpfe gezogen und mit einer am Knieband befestigten Schnalle geschlossen.

Die Modefarben in der Haartracht, sowohl bei den Frauen, als auch bei den Männern waren grau und weiß. Um das zu erreichen, benutze man entweder Perücken oder puderte die Haare.

Bei einer typischen Frauenfrisur des Rokoko wird das Haar zuerst glatt nach hinten gekämmt und dann hochgesteckt. Anschließend erfolgte das Pudern.

Bei einer typischen Männerfrisur werden die nach hinten gekämmten Haare mit einer Schleife zusammengehalten. Anschließend erfolgte auch hier das Pudern.

Für das Pudern wurden eigens Kabinette eingerichtet. Wer nicht so viel Geld hatte, puderte die Haare im Hausflur. Dabei wurde das Puder gegen die Decke gestäubt und man ließ sich vom herabfallenden Puder berieseln. Zum Schutz der Augen, der Nase und der Kleidung gab es Gesichtsmasken und Puderjacken.

Während schon, wie im Barock, der süddeutsche Raum und Österreich sich überwiegend an Frankreich orientierten, standen Norddeutschland und die Niederland überwiegend unter englischem Einfluß.
Die dort entstandenen Bauwerke haben die monumentale barocke Gliederung übernommen und stehen damit im Gegensatz zu den Idealen des Rokoko.

In England bildete sich eine Möbelkunst auf bürgerlicher Grundlage aus, das sogenannte Chippendale. Hier stand die Zweckmäßigkeit des einzelnen Möbelstücks im Vordergrund. Allerdings wirkt dieser Stil im Gegensatz zur Möbelkunst in Süddeutschland sehr steif und klobig.
Bei der Landschaftsgestaltung wurde die gewachsene Natur unverändert einbezogen, der sogenannte Englische Garten entstand, der später in ganz Europa anzutreffen ist.

Handwerkliche Perfektion, umfangreiche Kenntnisse über die verwendeten Materialien und deren Wirkung, die Wirkung des Lichtes und der Farben ließen eine glanzvolle Epoche der europäischen Kunst im 18. Jahrhundert entstehen.
Erstmalig sind die künstlerischen Elemente nicht nur in den Gebäuden des Adels, sondern auch verstärkt in den Stadtwohnungen des Bürgertum zu finden. Am Ende dieser Stilepoche, beim Übergang zum Klassizismus wird das gestärkte Bürgertum Träger der kunsthistorische Entwicklung.

Text und Bilder: Annett

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