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Online-Magazin - Magazine - Ausgabe 1 - 1998

 Zeitreise - Romanik

Im 10. - 13. Jahrhundert wird das ganze Abendland von einer neuen fast leidenschaftlichen religiösen Aktivität ergriffen, die alle Stände und Schichten miteinbezieht. Diese Zeit der großen Pilgerfahrten und Kreuzzüge bezeichnen wir heute als Romanik. Die Epoche bedeutet ein Neubeginn der abendländischen Kunst, die die verschiedenen Ansätze des Mittelalters zusammenfaßt und aus einer inneren Kraft in allen Bereichen eine eigene, eindringliche Sprache findet. Ihr Stil ist vielgestaltig, setzt sich aus zahlreichen regionalen Komponenten zusammen und spiegelt damit die politische Zerstückelung der erst langsam zur Einheit zusammenwachsenden Länder wieder. Als Hauptanliegen sieht die romanische Kunst den Kirchenbau.

Das Sakralgebäude soll nicht nur Versammlungsraum der Gemeinde und der zahlreichen Priesterschaft sein , sondern in allen seinen Teilen den Inhalt der christlichen Hiobsbotschaft vermitteln und als Gesamtheit dem Gläubigern das Abbild des “ himmlischen Jerusalems”, des Symbols für das Reich Gottes, dinghaft und anschaulich vor Augen stellen. Am Entstehen dieses Gebäudes sind alle Kunstgattungen beteiligt. Im Mittelpunkt steht jedoch die Architektur, der sich die anderen Künste dienlich unterordnen. Sie wendet sich nun, dem kraftvollen Behauptungswillen der Kirche gemäß, dem Außenbau zu, der von der frühchristlichen Kunst meist nur als schmucklose Hülle des reich dekorierten Innenraumes betrachtet wurde. Um 1050 entstehen Bauwerke, die nicht nur durch ihre monumentalen Ausmaße, ihre durchdachten Grundrisse und ihr sauberes Quadermauerwerk gekennzeichnet sind, sondern durch ihre massige und strenge Gesamtwirkung. Die einzelnen Abschnitte, bestehend aus Schiff, Vierung, Querhaus und Chorpartei, sind klar gegliedert. Bestimmend sind auch die Vierungstürme oder Türme am Ostabschluß. Diese Anordnung der verschiedenen Baukörper wird von umgreifenden Motiven (z.B. Rundfriesen) aufgelockert und gleichzeitig zusammengebunden.Auch im Inneren wird eine Auflockerung der Mauermassen durch Emporen und Galerien, Arkaden- und Fensterzonen und Blendbögen erreicht. Eine bedeutende Entwicklung ist die Einwölbung des gesamten Bauwerkes. Dieser krönende Abschluß des aufsteigenden Gewölbes spiegelt den Geist jener Epoche wieder. Bedeutende Kirchen aus dieser Zeit sind unter anderem die Dome zu Mainz, Speyer, Worms und Naumburg.

Neben den Sakralbauten besteht auch eine bedeutende Profanarchitektur, von der die vielen , noch heute z. T. gut erhaltenen Pfalzen, Burgen und Stadtanlagen mit zahlreichen Türmen zeugen. Bei dieser Gestaltung wird eine Verschmelzung des Wohnens und des Sich-Wehrens angestrebt. Es bilden sich zwei Grundtypen des Burgenbaus heraus, die landschaftlich bedingt sind. Der erste, die Ringburg, deren Ring sich aus Mauern und Häusern zusammensetzt, liegt in einem Gelände, daß nach allen Seiten gleichmäßig geschützt ist, auf einer Insel etwa oder einem Bergkegel. Die Ringburg besitzt meist einen freistehenden Bergfried, der weniger der unmittelbaren Verteidigung als der letzten Zuflucht dient. Diese Haupttürme sind zuweilen in den oberen Geschossen wohnlich ausgebaut, während ihre “Verliese” mehr als Vorratskeller anzusehen sind. Bei der Burg Münzenberg in der Wetterau (nebenstehendes Photo) waren zwei Bergfriede notwendig, um das Gelände nach allen Seiten zu überwachen. Ein weiterer wichtiger Bestandteil jeder Burg ist der Palas, der die Wohnräume, den Saal und eine Reihe von Kammern enthält. Auch die Burgkapelle befindet sich meist im Palas, am oder im Torbau, der als gefährdeter Punkt des Ringes eine besondere Betonung erhält.

Der zweite Typus, die Abschnittsburg, liegt meist auf einer Bergzunge, und zwar so, daß sie ein Graben vom anschließenden Höhengelände abtrennt. Hier konzentriert sich die Abwehrkraft auf die Abschnittsseite. Der Bergfried steht dabei oft im Verband mit einer besonders hohen und starken Mauer, die sich als Schildmauer schützend vor die übrige Burganlage stellt. Die Häuser des einfachen Volkes dagegen wirkten klein und schmucklos. Sie sind meist ganz aus Holz gebaut. Erst langsam setzt sich der Bau aus Steinen durch, wobei ein hölzernes Dach den Abschluß bildet. Das bedeutendste Möbelstück diese Zeit ist die Truhe, die zur Aufbewahrung von Kleidern, Wäsche, Kostbarkeiten und Lebensmitteln bestimmt war. Meist besaßen die Truhen an der Seite Griffe, damit das Möbel leicht transportiert werden konnte. Die Truhen der Romanik schließen sich der Architektur an und sind durch Arkaden auf Säulen verziert. Auch der Kasten an sich kann auf Säulen stehen. Eisenbeschläge machten die Truhen stabil und verzierten sie. So formten sich Eisenbänder zu Ranken und anderen Ornamenten.

Die Tischplatte wurde auf zwei Böcke gelegt und nach dem Mahl wieder beiseite gestellt. Die noch heute gebräuchliche Methapher “die Tafel ist aufgehoben” stammt aus dieser Zeit. Andere Einrichtungsgegenstände, wie Regale und Bänke, wurden fest in der Wand verankert. Die Betten wurden aus Brettern und Pfosten zusammengesteckt, der große Unterschied zu heute ist, das die Betten kurz waren, da man halb sitzend, halb liegend schlief. Die Bildhauerei steht während der Romanik ganz im Dienste des Kirchengebäudes und entwickelt sich durch ein sinnvolles Einfügen in den Kirchenbau. Neben dem Relief tritt nun die Großplastik, wobei die Dimensionen der Figuren Lebensgröße erreichen. Dargestellt werden vor allem Madonnen, Kruzifixe und Kreuzigungsgruppen, die von der bisher symbolhaften Form zur irdischen Realität übergehen. Die vereinzelt anzutreffenden profanen Plastiken stellen Tiergestalten dar oder aber das ritterliche Schönheitsideal. Letzteres erscheint würdig, als irdisches Leitbild, die göttlichen Gestalten zu vergegenwärtigen. Zu den sich entwickelnden plastischen Werken im Innenraum der Kirchen gehören auch die Chorschranken. die Taufsteine und die Grabmäler. Bevorzugte Materialien sind Stein und Holz, erst allmählich setzt sich die Goldschmiedekunst (z.B. für Reliquienschreine) und die Elfenbeinschnitzerei durch. Das umfangreiche malerische Schaffen äußert sich auf mannigfache Weise: Freskenzyklen, Buch- , Glas- und Wandmalerei, Gold- und Emailearbeiten.

Vorherrschend war die Wandmalerei. Die Kirchen wurden mit biblischen Szenen und Heiligenlegenden regelrecht ausgeschmückt. Die Buchmalerei hatten einen ihrer Höhepunkte im 11. und 12. Jh. . In vielen Klosterschulen entstanden eine Reihe von Bibelhandschriften, verziert mit Miniaturen von Heiligen. Als neues Ausdrucksmittel entwickelte sich die Glasmalerei , die sich in der gleichen strengen Stilisierung wie Wand- und Buchmalerei äußert. Die Plastik und Malerei wächst zur Gesamtschau der mittelalterlichen Jenseitsvorstellungen zusammen. Im Mittelpunkt dieser Künste steht nun immer häufiger das Jüngste Gericht und die apokalyptischen Visionen. Neben den göttlichen und heiligen Wesen umfaßt die reich gestaffelte Hierarchie dieser Gestaltenwelt Menschen und Tiere und schließlich ein vielförmiges Heer von Dämonen. In der Kleidung hatte sich ebenfalls eine feste hierarchische Ordnung herausgebildet.

Da es in dieser Zeit weder ein politisches, noch ein kulturelles Zentrum gab, in dem sich eine von der Kirche unabhängige Kultur entwickeln konnte, geriet auch die Mode stark unter das Zepter der Kirche. Die von den Priestern getragene lange Tunika wurde zu einem Trachtenmerkmal der gesamten Oberschicht. Als Untergewand wurde entweder eine zweite Tunika oder ein Hemd getragen, welche oft länger waren als die Obergewänder. Der Mantel, der aus einem viereckigem, an der Schulter mit einer Brosche zusammengehaltenen Stoff bestand, wurde ebenfalls länger. Die Hosen wurden enger und erste Ansätze der strumpfartigen Beinkleider waren erkennbar. Je länger die Tunika, desto mehr büsste die Hose von ihrer Bedeutung ein und diente bald nur noch als Unterkleidung. Im Gegensatz dazu trug das männliche, einfache Volk kurze Leibröcke und lange Hosen. Während zu den kurzen Röcken eine Art Halbstiefel getragen wurden, setzten sich zu den langen Gewändern niedrige Schlupfschuhe durch. Die Kleidung der Frauen bestand aus einem hemdartigen Unter- und Obergewand und einem Mantel, Schleier oder Kopftuch. Oft wurde das Oberkleid gekürzt, während die untere Tunika auch hier länger wurde. Allmählich begannen weite Hängeärmel in Mode zu kommen. Der Schleier wurde meist über den Kopf gezogen, so daß die Haare mehr oder minder verdeckt blieben. Das frei herabfallende Haar wurde auch durch Bänder oder Nadeln zusammengehalten. Die Frauen bevorzugten in ihrer Fußbekleidung leichte, pantoffelartige Schuhe. Für Kleider und Schuhe wurden möglichst leuchtende Farben gewählt. Während Purpur und Rot als äußerst vornehm galten, waren auch Blau und Grün bei der Oberschicht beliebt.

In den unteren Bevölkerungsschichten erfreuten sich erdfarbene Stoffe großer Beliebtheit. Die Gewänder wurden selbst hergestellt. Für die wertvolleren Kleider wurden erlesene Stoffe (Seide, Brokat) verwendet, ebenso waren diese Gewänder mit Stickereien verziert. Die Kleider der einfachen Frauen dagegen waren ohne Besatz und Schmuck und aus Leinen oder Wolle gefertigt. Reich und farbig war auch der mit Edelsteinen besetzte Schmuck - Ohrgehänge und Halsketten für Frauen, Gürtel und Schwertscheide für Männer. Die Musik der Romanik ist stark von den Kirchenliedern geprägt, jedoch dient sie ebenso als Ausdruck der Gemütslage und der Weitergabe von Gegebenheiten.

Einer der bedeutensten Minnesänger dieser Zeit ist Walther von der Vogelweide, der wie viele andere zur Untermalung der zahlreichen festlichen Veranstaltungen oder einfach nur zum gemütlichen Tagesausklang beitrug. Seine Balladen erzählen von zeitgemäßen Dingen und geben das gesamte Spektrum der Sorgen und Nöte, der Freuden und Leiden , der guten und schlechten Taten, vor allem der Oberschicht, wieder. Als eine der wenigen Melodien ist die zum Palästinalied bekannt, welche unter andren wunderbar von Estampie /Qntal vorgetragen werden. Sie haben sich zur Aufgabe gemacht diese Musik zu erhalten und wiederzubeleben.


Siehe auch unsere Buchempfehlungen und Linksammlung zur Architektur und Kunstgeschichte.

 

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